Buchbesprechungen


Elly

 

Verschwunden

Für ihr Romandebüt „Elly” wurde die 1974 geborene Autorin zahlreicher Erzählungen und Drehbücher Maike Wetzel aus Berlin bereits mit dem Robert-Gernhardt Preis und dem Martha-Saalfeld-Preis geehrt.

Elly ist ein elfjähriges Mädchen, das auf dem Weg zum Judotraining verloren geht, nur ihr Fahrrad wird gefunden, von dem Mädchen fehlt jede Spur. Ihre Eltern und die zwei Jahre ältere Schwester Ines müssen mit der Ungewissheit weiter leben. „Meine Schwester ist tot. Ich traue mich kaum, das zu denken, weil ich weiß, dass mein Glaube genügt, um sie umzubringen. Elly hat nur noch uns. Unser Glauben hält sie am Leben.” Jedes Familienmitglied leidet auf seine Weise unter dem Verlust, die Mutter Judith betäubt sich durch Psychopharmaka, der Vater Hamid stürzt sich in die Arbeit, betreibt umfangreiche Recherchen, beauftragt Detektive und organisiert Aktionsbündnisse, die pubertierende Ines schwankt zwischen Gefühlen der Abgeklärtheit, der Wut und der Sehnsucht. Dadurch dass abwechselnd aus den Perspektiven der drei Zurückgebliebenen in der ersten Person erzählt wird, kommt man den Gedanken und Gefühlen der Familienmitglieder sehr nah, sie kreisen permanent um Elly. Den Alptraum der Ohnmacht beschreibt Maike Wetzel einfühlsam und schonungslos. Kurze, schnelle Sätze formen die Syntax der Sprach- und Fassungslosigkeit. Die Familie ist versehrt wie nach einer Amputation und doch hofft man, dass alles wird wie früher, als sie noch ein Ganzes war.

Dann taucht auf einmal das vermisste Kind wieder auf - nach vier Jahren des Warten und Bangens - und ist kein Kind mehr, sondern eine traumatisierte Jugendliche, deren ganzes Erscheinen und Verhalten befremdend sind. "Als Elly zurückkehrte, dachten meine Eltern und ich, wir hätten das Schlimmste hinter uns. Heute weiß ich: Folter ist ein unendlich zu multiplizierender Begriff."

Maike Wetzels kraftvoller Erzählstil erinnert an Judith Hermann („Alice”), die auch kein Wort zu viel schreibt, sondern mit ungewöhnlichen Sprachbildern Stimmungen schafft, die das Unbewusste, Unaussprechliche und Unerhörte ausdrücken.

Der Roman ist keine leichte Kost, doch wer psychologische Themen mag und vor den Abgründen der menschlichen Seele nicht zurück schreckt, wird ihn gebannt lesen und dabei Gänsehaut verspüren. Vladimir Nabokov sagte angeblich einmal, dass man gute Literatur genau daran erkenne, dass es einem kalt den Rücken runterlaufe.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Janina Thiel

 


Mittagsstunde

 

Alltagskunst vom Feinsten

Die Kunst, den Alltag treffend zu beschreiben, und die Leserschaft dennoch bei Laune zu halten, beherrschen nur wenige Autoren. Oft werden lieber ganz besondere Momente im Leben der Protagonisten ins Zentrum des Buches gerückt oder dramatische Ereignisse thematisiert. Das Alltagsleben, das Banale, Normale, das ja oft langweilig sein mag, aber manchmal gerade in seiner Monotonie fast schon wieder skurril-spannend sein kann, zu skizzieren, vermag nicht jeder. Dazu muss man genau beobachten, ohne zu beschönigen, entlarven, ohne zu verletzen und sich selbst zurücknehmen.

Dörte Hansen ist eine echte Künstlerin in diesem Metier. Bereits ihr Überraschungs-Erstling „Altes Land”, der gleich ein Bestseller wurde, hatte genau diese Alltagsthematik zum Inhalt. Damals waren es die Hamburger Stadtwesen, die beim Besuch im vermeintlich idyllischen Alten Land von der Romantik übermannt wurden und die angesichts der Urwüchsigkeit der dortigen Landschaft beschlossen, alle Zelte in der grauen Großstadt abzubrechen, um aufs Land zu ziehen. Sie scheiterten grandios als Zugereiste in der kargen, schroffen Obstplantage Hamburgs …

In ihrem voll Spannung erwarteten zweiten Roman „Mittagsstunde” nimmt Hansen vordergründig ein sehr ähnliches Thema zum Gegenstand ihrer Beobachtungen. Wieder geht es um das ländliche, norddeutsche Leben, das in krassem Gegensatz zum städtischen Leben steht. Brinkebüll heißt das kleine Geestdorf, das im Zentrum ihres Romans steht. Der Ort ist frei erfunden – man sucht ihn vergebens auf der Landkarte -, doch er könnte überall auf dem platten Land in Norddeutschland wirklich vorkommen. Eingerahmt von karger Landschaft, von Äckern und Feldern, die immer weniger bewirtschaftet werden. Bauer sein ist kein Spaß. Man muss verzichten können, auf den normalen Luxus anderer Berufe, Kühe wollen gemolken und gefüttert werden, ausschlafen ist da nicht. Kein Job für Feiglinge. Ingwer Feddersen kommt aus diesem Kuhnest, doch, wie den meisten jungen Leuten, wurde es ihm zu eng dort, er zog aus, studierte, kam immer seltener zurück, promovierte, wurde Hochschullehrer für Archäologie und blieb in der Stadt. Den Kontakt brach er, im Gegensatz zu manch anderen, nicht ab, denn er war nicht voller Groll auf seine alte Heimat fortgegegangen.

Ingwer, im besten Midlife-Crises-Alter, beantragt an seiner Universität ein Sabbatical, also eine kreative Auszeit vom alltäglichen Wahnsinn. Zu seinem großen Glück wird der Antrag bewilligt und er kann seiner Sackgassen-Beziehung mit einer egomanischen Architektin und den sturen Studenten entfliehen. Zumindest auf Zeit. Er beschließt, „die Alten” zu pflegen, die in Brinkebüll die Dorfkneipe betreiben, obwohl sie beide schon steinalt sind. Eigentlich wäre er der legitime Nachfolger gewesen, der designierte Wirt des „Dorfkrugs”. Doch er war ja ein Bücherwurm, interessierte sich mehr für Wissenschaft als für die Dorfwirtschaft, war klug, aufstrebend, neugierig – so gar nicht interessiert daran, in diesem kleinen Nest zu versacken. Die Alten haben es ihm nie ganz verziehen, dass er sie im Stich ließ – doch was sollten sie tun. Sie waren ja froh, dass „de Jung” überhaupt noch ab und zu vorbeischaute.

„Die Alten” sind Ingwers Großeltern. Trotzdem nennt er sie Vadder und Mudder. Seine leibliche Mutter heißt Marret und ist ein verwirrtes Menschenkind. Die Tochter von „den Alten”. Überall sieht sie Zeichen, hat Vorahnungen, die sie meist gegen den Willen der Zuhörer  allen und jedem kundtut, der ihr über den Weg läuft. Sie kann schlecht an einem Ort sitzen bleiben, lieber schlurft sie durch die Gegend, klappert auf ihren Holzpantoffeln durch das Örtchen und schnackt mit den Leuten. Marret Ünnergang wird sie nur genannt, denn über wenig anderes redet sie, als über den bevorstehenden „Untergang”.

Marret war 17 als sie schwanger wurde, wer der Vater ist, hat sie nie verraten – doch das Dorf hat da so eine Ahnung. Zu der Zeit gab es nämlich drei Landvermesser, die im Dorfkrug ein und ausgingen – sicher war einer dieser jungen, feschen Herren der „Übeltäter”. Marret Ünnergang kümmert sich auf ihre Weise liebevoll um den kleinen Jungen, doch eine wirkliche Mutter kann sie nicht sein, zu sehr ist sie mit sich und ihren eigenen Absonderlichkeiten beschäftigt. Und so rücken Vadder und Mudder immer stärker in die Elternrolle. Für den aus dem Krieg zurückgekehrten und an Seele und Leib verwundeten Vadder Sönke ein echtes Glück – Ingwer ist für ihn der Sohn, den er nie hatte. Und so fehlt es Ingwer an nichts. All das, die ganze norddeutsch-zurückhaltende Zuneigung, ja sicherlich sogar Liebe, möchte er den beiden Alten nun als Erwachsener zurückgeben. Er will ihnen den Gang ins Altersheim ersparen und kümmert sich nach Beginn des Sabbaticals hingebungsvoll um die beiden. Rührend ist das und anstrengend. Mudder Ella ist dement, muss wie ein kleines Kind rund um die Uhr bewacht und beschäftigt werden, Sönke hingegen ist fit, nur der Körper ist allmählich zu alt für all das, was der Geist noch könnte. Ingwer hilft bei allem und kehrt so wieder zurück in den Schoß der Dorfgemeinde. Im Wirtshaus treffen sich alle, er kriegt viel mit, trifft alte Weggefährten wieder.

Philosophisch wird es dann immer wieder, denn wer ist denn nun selbstbestimmter – er, der fortging, oder die, die blieben? Da gibt es ganz unterschiedliche Gestalten, zum Beispiel den Cowboy-Fan Heiko, der früher immer windelweich geschlagen wurde von seinem Vater. Alle wussten es, aber keiner tat etwas, um dem armen Kerl zu helfen. Doch Heiko fand seinen eigenen Weg aus der Misere: Sein erklärtes Lebensziel war es, dem Vater nicht die Genugtuung zu geben, Schmerz, Trauer oder gar Angst in seinem Gesicht lesen zu können. Er ertrug stoisch all das Leid. Er überlebte das ganze Drama – und, man freut sich als Leser mit ihm – er blieb wohl weitgehend seelisch unverletzt durch seine eigene Umgangsweise mit diesem miesen Vater. Heiko ist so schräg wie früher, doch er macht sein Ding. Ganz cool. Er leitet eine Line-Dance-Gruppe. Er leitet sie! Das kleine Würmchen von früher stellt sich an die Spitze einer Gruppe und macht ihnen etwas vor. Und, was Ingwer noch mehr erstaunt: er ist wirklich talentiert! Und er hat seine große Liebe gefunden. „Dat Heupeerd”, wie Sönke sie gnadenlos hinter vorgehaltener Hand Ingwer gegenüber nennt. Eine wenig attraktive, korpulente Rothaarige, deutlich größer als Heiko – doch mit dem Herzen am rechten Fleck. Sie umsorgt ihren „Cowboy” liebevoll und wenn die beiden zusammen tanzen, sind sie fast wie Ginger und Fred … nun ja … fast

Doch Ingwer sieht, was Heiko hat und er nicht: eine liebevolle Partnerschaft, ein Hobby, in dem er voll aufgeht, und eine Gruppe zu der er gehört – kurz: ein ausgefülltes Leben!

Dörte Hansen springt in ihrem Roman kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her – auf sehr gekonnte Weise. So erfährt die Leserschaft viele liebevoll beobachtete Begebenheiten aus dem Dorfalltag, seien sie von früher, seien sie von heute. Und obwohl manche Figur nur für ein Kapitel auftaucht, schafft es die Autorin, die Persönlichkeiten so zu skizzieren, dass man sich ihnen nah fühlt. Wenn ihnen dann überraschend etwas zustößt, fasst einen das ganz schön heftig an. Doch es wäre eben nicht Dörte Hansen mit ihrem nüchtern-norddeutschen Blick auf die Dinge, wenn solche Vorkommnisse, Dramen und Tragödien des Alltags nicht auch thematisiert werden würden. Hier wird das (Land-) Leben realistisch beschrieben, ohne jeden Kitschfilter.

Am Ende steht über allem die Frage der persönlichen Einstellung zum Gang des Lebens. Und so legt die Autorin ihrem Protagonisten Ingwer ein paar schöne, schlichte und sehr wahre Gedanken zurecht:

Die Zeit der Bauern ging zu Ende. Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die Sesshaften zurück. […] Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das. Für einen, der vom Fach war, hatte er erstaunlich lang gebraucht, das zu kapieren. […]

Und so ist es wohl: Liest man das großartige Buch, wird man stellenweise melancholisch und möchte sie fast miterlebt haben, diese Zeit, in der alles noch wirklich von Hand gemacht wurde auf dem Land. Als der Bauer keine Massentierhaltung haben musste, um sich zu finanzieren. Als ehrliche Arbeit noch ehrlich wertgeschätzt wurde. Doch wenn man weiterüberlegt und ehrlich bleibt, weiß man, dass dies immer nur die eine Seite der Medaille war. Die andere war die dunkle, anstrengende, ungehobelte Seite …

Es ist also einfach, wie es ist. Etwas geht zu Ende oder ist schon zu Ende gegangen und man kann es nicht rückgängig machen. Aber wo eine Tür geschlossen wird, geht eine andere auf und so bleibt alles beständig in Bewegung – auch auf dem nordfriesischen Land.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


Lanny

 

Mut zur Menschlichkeit

„Lanny” ist ein schmaler Roman mit einer unglaublichen Ausdruckskraft: Die Sprache, die Melodie der Sätze, die Typographie ist ungewohnt, lyrisch, bizarr und vielstimmig. Der Schauplatz ist ein ländliches Dorf in der Nähe von London, seine unterschiedlichen Bewohner, Flora und Fauna kommen wie ein Chorus zur Sprache und mittendrin, in diesem kollektiven Gesumme und Gemurmel rankenartiger Gedankenspiele und Gesprächskrumen, geht plötzlich ein Junge namens Lanny verloren. Jeder Einzelne des Dorfes stellt Mutmaßungen und Verdächtigungen an und es beginnt die Suche nach Lanny, der schon oft verloren ging, denn er ist ein verträumtes Kind, das auf fantasievollen Streifzügen die Zeit vergisst, mit Bäumen spricht oder nachtwandelt. Bei dem älteren introvertierten Künstler Pete findet Lanny, der von anderen Kindern gehänselt wird, gleichzeitig Verständnis und neue, spannende Ausdrucksmöglichkeiten. Die Kunst, die Pete z.B. aus Skeletten toter Vögel, Zweigen, Drähten, Blattgold und Holz herstellt, erscheint anderen skurril oder grotesk, weswegen er auch „Irrer Pete” geschimpft wird. Es gehört zur Stärke dieses Romans, dass Schönes und Hässliches gleichermaßen vorkommen, Mythen und Legenden mit Alltäglichem verbunden sind. Es gibt auch skurrile Passagen als z.B. ein mythisches Wesen namens Altvater Schuppenwurz auftaucht. Es erinnert an Lewis Carrol‘s Nonsense-Gedicht „Der Zipferlake” (Jabberwocky). Der moosgrüne mit Blätterranken bedruckte Leineneinband des Buches wirkt wie der Lebensraum dieses Schutzgeistes, der sich von dem Geschwätz der Leute, ihren Ängsten und Hoffnungen ernährt.

Wie Alice hinter den Spiegeln ist auch Lanny eine zeitlose und tapfere Figur, die Mut macht, das Anderssein und Andersdenken anzuerkennen und einander ohne Vorurteile und mit Menschlichkeit zu begegnen.

Rezensiert von unserer Kollegin Janina Thiel


Miroloi

 

Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt ...

Miroloi” ist der Name für ein Totenlied in der griechisch-orthodoxen Kirche, das von Frauen geschrieben und gesungen wird. Und ein Miroloi bekommt nur, wer einen Namen hat. Namen bekommen nur die mit Herkunft, mit Mutter und Vater.

Die namenlose Ich-Erzählerin erzählt uns in 128 Strophen von ihrem Leben auf einer kleinen Insel in einer abgeschirmten, streng archaisch-patriarchalen Gesellschaft. Gelegentlich gibt es Hinweise auf die Zeit, in der die Geschichte spielt, wenn der Händler vom Festland beispielsweise Feuerzeuge oder Tampons mit auf die Insel bringt (die Feuerzeuge dürfen bleiben, die Tampons nicht).

In dieser Gemeinschaft dürfen die Frauen nicht lesen und nicht schreiben, die Männer nicht singen. Sie leben nach uralten Traditionen. Es wird alles erduldet. Die Kirche schreibt es schließlich so vor.

Das kleine Mädchen ohne Namen steht ganz am Ende der Hierarchie dieses Dorfes. Ihre Mutter hat sie in einem Karton vor dem Haus des Betvaters ausgesetzt. Nach außen versucht sie all die Kränkungen und Verletzungen nicht an sich heran zu lassen. Innerlich wächst ihr Begehren, sich gegen diese alten Traditionen aufzulehnen Nur der Betvater, bei dem sie lebt, die alte Maria und Sofia stehen schützend vor ihr. So versucht sie, möglichst unsichtbar für die anderen, durch das Leben zu kommen. Aber immer mehr wächst in ihr der Wunsch, Lesen und Schreiben zu lernen. Und sie hat Glück. Abends nach einem langen schweren Tag lehrt sie der Betvater bei Kerzenschein beides. Ihre Neugier auf das Verbotene ist größer als die Angst vor einer Strafe. Und gestraft wird in dieser Gemeinschaft gnadenlos, steht doch auf dem Dorfplatz ein Schandpfahl.

Sie gibt sich auch selber einen Namen. Und dann verliebt sie sich in Yael. Yael ist Betschüler und die beiden können sich nur heimlich treffen.

Als der Betvater stirbt, verschärft sich die Situation. Nicht nur für unsere Erzählerin. Die Frauen werden noch mehr unterdrückt. Das Leben wird immer härter.

Und je auswegloser die Lage wird, umso mutiger wird die Erzählerin.

Mit jeder Strophe, die sie uns erzählt, wächst sie an sich selber. Hoffnung bietet allein nur das Meer ...

 

Rezensiert von unserer Kollegin Kathrin Mathibe


Land of Stories: Die Suche nach dem Wunschzauber

 

„Land of Stories – Die Suche nach dem Wunschzauber” von Chris Colfer

Wer kennt sie nicht, die berühmte Schlussformel vieler Märchen: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute."? Aber wie sieht dieses Heute in den Märchen selbst aus?

Alex und Connor sind ein Zwillingspärchen, das nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter in einfacheren Verhältnissen lebt. Doch zehren sie von glücklichen Erinnerungen als der Vater noch lebte und ihnen aus dem großen dicken Märchenbuch der Großmutter vorlas. Die beiden Kinder erinnern diese Stunden als wunderbare Reisen durch die Märchenwelt und die Märchenfiguren als ihre Freunde. Für das Mädchen Alex sind es bis heute die einzigen Freunde geblieben. Nun bekommen die beiden zum Geburtstag von der Großmutter eben dieses Märchenbuch geschenkt. Irgendwann beginnt das Buch ein eigenartiges Summen von sich zu geben und bei dem Versuch, die Herkunft dieses Geräusches zu klären, fallen Alex und Connor in das Buch hinein – mitten ins Märchenreich. Die Kinder finden dort ein Tagebuch, das die Erwirkung eines Wunschzaubers, der sie zurück nach Hause bringen kann, und die hierfür benötigten Zutaten beschreibt: einen von Cinderellas Glasschuhen, ein wenig Borke von Rotkäppchens Korb, etc.

Auf der Reise durch das Märchenland, um die benötigten Zutaten zusammenzusammeln, begegnen Alex und Connor vielen, nicht nur Grimmschen, Märchenfiguren. Unter anderem treffen sie Cinderella, die jetzt glücklich verheiratet und schwanger ist, und welche den beiden davon berichtet, dass die adeligen Familien ihres Königreiches anfangs gar nicht begeistert davon gewesen sind, eine ehemalige Magd an der Seite ihres Prinzen auf dem Thron zu sehen. Auch Rotkäppchen ist jetzt Regentin, überlässt aber den Hauptteil der Regierungsarbeit ihrer Großmutter. Und alle Märchenprinzen sind Brüder....

Tatsächlich versuchen aber nicht nur Alex und Connor die Zutaten für den Wunschzauber, der nur noch ein weiteres Mal erwirkt werden kann, zu finden. Auch die Handlanger der bösen Königin, der Stiefmutter von Schneewittchen, reisen durch das Land und suchen. (Warum die böse Königin entgegen der landläufigen Meinung noch am Leben ist, wird im wunderbaren Prolog des Buches erklärt). Und es stellen sich dem Leser viele Fragen. Wer kann am Ende den letzten Wunschzauber erwirken? Kehren Alex und Connor zu ihrer Mutter zurück? Wer schrieb das geheimnisvolle, wegweisende Tagebuch?

Dass „Land of Stories” auf mehrere Teile hin angelegt ist, erklärt, die bei fantastischen Geschichten übliche, etwas umfangreichere Einleitung: Im Amerikanischen ist bereits der 5.Teil erschienen. Dieser erste Teil kann aber auch gut für sich alleine stehen, denn dieses Buch birgt vieles. Man findet die klassischen Märchen, eine schön konstruierte, fantasievolle Geschichte, viel Humor, aber auch Spannung und viel Liebe zum Detail.

Der Verlag empfiehlt dieses Buch Kindern ab 10 Jahren, auch wenn es mit über 500 Seiten selbst für ausdauernde Leser dieser Altersgruppe ein ganz schönes Stück Arbeit darstellt. Da es aber recht vielschichtig ist, ein schönes, breites Vokabular zeigt und die Spannungsbögen nicht zu lang sind, kann es aber auch durchaus jüngeren Kindern ab 7/8 Jahren vorgelesen werden. Andererseits werden aber auch wegen dieser Merkmale selbst ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsenen viel Vergnügen an dieser Geschichte haben können. „Land of Stories – Die Suche nach dem Wunschzauber” ist besonders aber ein Familienbuch, das alle zusammen im Urlaub oder in der gemütlichen Winterzeit vorgelesen bekommen, um miteinander in der Welt der Märchen umherzuschweifen.

Rezensiert von unserer Kollegin Jessica Jebens-Ellerbusch


 

Kölner Roman

Der Autor Ulrich Woelk ist studierter Astrophysiker. „Der Sommer meiner Mutter” ist mehr als nur eine Erinnerung an eine Kindheit der späten 60er Jahre im katholisch geprägten Kölner Umland, er ist auch ein Coming-of-Age-Roman aus der Perspektive eines Jungen in der Pubertät, der plötzlich feststellt, dass die eigenen Eltern, die er bislang als „etwas Gegebenes” angesehen hat, ihre ganz eigene Geschichte haben. Woelk kennt sich ebenso wie sein 11-jähriger Protagonist Tobias mit Raketen, Planeten und dem Apollo-11-Projekt aus. Doch wie ist es mit den Mädchen? Wie ist es ganz speziell mit der etwas altklugen 13-jährigen Nachbarin Rosa, benannt nach Rosa Luxemburg? Ihre Eltern sind Kommunisten, die Mutter quirlig, schön und berufstätig. Tobias Mutter hingegen ist Hausfrau und probiert in einem Jeans-Store in Köln zum ersten Mal in ihrem Leben eine Levis-Jeans an, was Tobias’ Bild von seiner Mutter, vielleicht sogar sein Weltbild allmählich auf den Kopf stellt „…ich fragte mich, warum die Dinge auf der Erde nicht ebenso klar und verständlich waren wie die auf dem Mond.” Neue Nachbarn ziehen ein im Häuschen nebenan - im Jahr der ersten Mondlandung - es gibt gemeinsame Grillabende und Ouzo vor dem frisch gekauften Farbfernseher. Während wir lesend und fast schwerelos wie die Raumfahrer auf den Höhepunkt des Jahres 1969 zusteuern, zeigen sich erste Risse im „Summer of Love”. So beginnt die klassische Rollenverteilung der Geschlechter zu bröckeln und die Handlung treibt auf einen tragischen Höhepunkt zu. Doch lesen Sie selbst und lassen sich zu den nostalgischen Klängen der Beatles und Doors und mit „der kratzbürstigen Stimme von Janis Joplin” in eine Zeit entführen, in der die für uns heute vermeintlich selbstverständlichen Rechte hart erkämpft wurden.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Janina Thiel