Auf das, was kommen mag!

Silvester und Neujahr sind für die meisten Menschen eine willkommene Zäsur. Innehalten, Revue passieren lassen, Pläne schmieden, sich neu definieren. All das scheint um dieses durchaus magische Datum herum leichter zu fallen.

Henning, der Protagonist aus Juli Zehs neuestem Buch, beschließt, eben jene besonderen Tage mit seiner Familie dieses Mal nicht zu Hause zu feiern. Es zieht ihn nach Lanzarote, wie getrieben sucht er schon lange im Voraus nach möglichen Ferienhäusern. Doch die, die ihn besonders in den Bann ziehen, sind leider viel zu teuer. So wird ihre Unterkunft ein Kompromiss. Und wie es meist so ist im Leben, sieht das Häuschen im Internet auf den Fotos deutlich größer und charmanter aus als in Wirklichkeit. Ein bisschen tapsen sich die vier auf den Füßen herum, Rückzugsorte gibt es kaum, aber sei's drum, es ist Urlaub, eine Auszeit vom Alltag - das ist die Hauptsache.

Der Urlaub ist dann aber auch nicht weiter spektakulär, so wie es eben manchmal ist. Die Eltern sind ein bisschen genervt - voneinander, von den beiden Kindern (die eine wirkliche Erholung gar nicht zulassen, denn sie haben ja im Urlaub die gleichen Bedürfnisse und benötigen die gleichen Hilfestellungen wie auch zu Hause), Henning vor allem von sich, seine Frau Theresa von allem ein bisschen, aber hauptsächlich vom permanenten Wind auf der Insel.

Der Silvesterabend beginnt früh - Eltern kleinerer Kinder werden sich hierin wiederfinden -, denn man kann ja nicht ewig feiern. Im Restaurant, wo sie reserviert haben, sitzt am Nebentisch ein Franzose, der Theresa ohne jedes Schamgefühl offen anflirtet. Sie ist hingerissen von der Tatsache, dass sie noch immer gutaussehende Männer für sich begeistern kann, davon, dass ihr das Französisch so herrlich perlend über die Lippen kommt und davon, dass der Charmeur auch noch so toll tanzt. Henning beschließt zur Feier des Tages, die Flirterei als Kompliment für sich abzubuchen. Schließlich muss, wer eine so tolle Frau hat, selbst auch ein toller Kerl sein. Aber es wurmt ihn natürlich auch ... Als er später mit seiner Frau ins Bett kriecht und - emotional ein wenig aufgeladen - einen Annäherungsversuch startet, dreht sie sich weg. Leicht frustriert gibt Henning auf.

Am nächsten Morgen beschließt er, der Enge der Wohnung und der Beziehung zu entfliehen und außerdem seinen ersten Vorsatz fürs neue Jahr (mehr Sport!) in die Tat umzusetzen. Er setzt sich aufs mittelprächtige Mietfahrrad und strampelt los, bevor der Rest der Familie aufsteht.

Das Fahrradfahren bringt Tempo in den Roman. Was gemächlich und banal begann, nimmt nun Fahrt auf. Je länger der Familienvater sich den Berg nach oben quält, den zu erklimmen er sich in den Kopf gesetzt hat, desto schneller fließen seine Gedanken. Alles Mögliche durchquert da sein Bewusstsein, er legt keinen Filter darüber, er lässt die Gedanken kommen - und hofft bei vielen, dass sie rasch auch wieder gehen. Die Kinder, der Job, seine Mutter (Gott, er müsste sie viel öfter anrufen!), seine Frau, seine Anforderungen an sich selbst, denen er kaum genügen kann - und nicht zuletzt ES kreuzen seine Gedanken. ES, das sind seine Panikattacken. Henning hat sie seit 2 Jahren, er weiß nicht wirklich, in welchen Momenten genau sie kommen, aber sie halten ihn in Schach. Immer, wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren über bestimmte Situationen, dann geht es los - das ist ja vielleicht auch schon ein Muster.

Dehydriert, hungrig und völlig überanstrengt kommt Henning tatsächlich oben an. So übereilt, wie er aufbrach, hat er nicht einmal an Geld gedacht, um sich etwas zu trinken kaufen zu können - aber in dem Örtchen, auf dessen Kirchplatz er genießt, endlich mal wieder wirklich etwas erreicht zu haben, hat sowieso nichts offen. Alles ist wie leergefegt. Und genau hier oben, in dem menschenleeren Kaff, beginnt der eigentliche Sog des Romans. Und dieser Sog, man mag das Buch gut finden oder nicht, ist einfach enorm. Es ist nicht einfach nur der plakative Sog, von dem wir Leser immer reden, wenn wir unserem Gegenüber möglichst bildlich klarmachen wollen, wie gut der Lesestoff ist, von dem wir reden, nein, das hier ist anders. Es ist ein fast körperlich spürbares Unvermögen, das Buch wegzulegen, wenn man diesen Punkt erreicht hat. Ein atemlos machender Zwang, Seite um Seite hinter mich zu bringen, um endlich Klarheit zu bekommen, über das was hier passiert.

Bei Henning bricht in diesem gottverlassenen Dorf der Nebel auf, der sich über seine Erinnerungen an früher gelegt hatte. Er dringt durch zu den Gedanken, die Wahrheit bringen - er findet die fehlenden Puzzlestücke, von denen er bislang gar nicht ahnte, dass sie fehlten. Das klingt verworren - ist es auch. Denn der Protagonist merkt, dass hier an diesem Ort der Zugang zu einem Wissen aus seiner Vergangenheit liegt, das er braucht, um Frieden mit sich machen zu können. Er folgt diesem inneren Gefühl, läuft wie natürlich einen bestimmten Weg und landet vor einem abgelegenen Haus, in dem Kunsthandwerk verkauft wird. Er kommt mit der aktuellen Besitzerin ins Gespräch und ein Déjà-vu reiht sich ans nächste. Geistesblitze tauchen auf und wieder ab und plötzlich entsteht ein neuer Erzählfluss und wir sind genau in diesem Haus und Henning ist ein kleiner Junge, der auf seine kleine Schwester aufpasst.

Geschickt baut Juli Zeh die gesamte Geschichte auf, den Plot, die Erzählstränge, wie sich alles schließlich ineinander verzahnt. Sie ist eine Meisterin, sie kann wahrlich schreiben. Verblüffenderweise haben ihre Bücher ganz unterschiedliche Stile, Inhalte, Richtungen. Das Verbindende ihrer Romane kann man vielleicht am ehesten beschreiben als Lust am Blick auf die psychischen Besonderheiten einer jeden Person. Wie können sich die Charaktere der Menschen verändern, weil bestimmte Dinge geschehen ... oder nicht geschehen. Die Hauptperson des vorliegenden Buches muss sich ihrer Kindheit stellen, um das Jetzt zu begreifen, um leben zu können.

Und trotz des unglaublich orkanartigen Sogs kann ich nicht sagen, dass ich dem Buch 5 von 5 Sternen geben würde. Vielleicht würde ich bei 3 Sternen landen. Natürlich ist dieses Buch gut und dennoch habe und hatte ich Fragezeichen beim Lesen in meinem Kopf. Manche Dinge, Szenen verstehe ich auch jetzt noch nicht, beim erneuten Durchblättern für die Rezension. Warum steht das da? Hat das einen tieferen Sinn, der sich mir nicht erschließt? Warum wird überhaupt Henning beleuchtet, dieser weiterhin seltsam blasse Protagonist? Ich erfahre so viel über ihn, aber dennoch wächst er mir nicht ans Herz - vielleicht, weil alles, was ich erfahre, in der Vergangenheit liegt, die zwar seine Gegenwart gestaltet, ihn mir aber als Erwachsenen nicht näherbringt. Er bleibt wenig fassbar für mich, dieser "Romanheld", ganz zu schweigen von seiner Frau, die reine Statistin ist. Und dann das Ende! Herr im Himmel! Als wäre Juli Zeh etwas auf dem Herd angebrannt, weswegen sie hastig zwei Sätze als Ende hinkritzelte, den Stift wegwarf und zur Schadensbegrenzung eilte ...

Was also ist das Resümee? Juli Zeh kann schreiben. Aber will man ein wirklich durchkomponiertes Werk, das komplett rundläuft, dann nehme man bitte "Unterleuten" - und dann erst "Neujahr".

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


Im schönen Schein des Supermarkts

Emotionen sind der Japanerin Keiko Furukura unheimlich. Empathie ist ein Fremdwort für sie. Alles, was die Frau an emotionalem Repertoire auf Lager hat, ist antrainiert, nie gefühlt. Sprache nimmt sie als das, was es ist: ein Sammelsurium an einzelnen Wörtern. Sie anders als 'wortwörtlich' zu interpretieren, ist ihr unmöglich.

Bereits als Kind merkt sie die Unterschiede zu anderen Gleichaltrigen. Als sie als Kindergartenkind im Park einen toten Vogel fand, begannen alle anderen zu weinen - nur sie nicht.

'Keiko, was ist denn? Ach, ein Vögelchen ... Es ist wohl jemandem davongeflogen. Das Ärmste! Wollen wir es begraben?', sagte sie und strich mir liebevoll übers Haar.
'Lieber essen', sagte ich.
'Wie bitte?'
'Papa mag doch Hähnchenspieße so gern. Wir können den kleinen Vogel heute Abend braten', erklärte ich noch einmal deutlicher, weil ich glaubte, sie habe mich nicht verstanden. Meine Mutter wirkte bestürzt, und auch die anderen Mütter rissen entgeistert Augen und Mund auf.'

Keiko selbst leidet - dank der fehlenden Gefühle - kein bisschen unter ihrem Anderssein. Doch sie bemerkt, so viel Gespür besitzt sie dann doch, dass ihre Schwester und ihre Eltern damit sehr schlecht klar kommen. Also versucht sie, sich aus den allermeisten Situationen, in denen sie mit anderen Menschen interaktiv sein müsste, herauszuhalten. Sie lebt isoliert und beobachtet viel. Klug ist sie, auf eine sehr strukturierte, einseitige Art - daher geht sie, als sie die Schule beendet hat, auch auf die Uni. Als sie sich eines Tages auf dem Weg zum Institut verläuft, fällt ihr ein 24-Stunden-Supermarkt auf, ein Konbini, ein sogenannter Convenience Store, der demnächst eröffnet werden soll. Es werden Aushilfen gesucht - und Zeit genug für einen Nebenjob hat sie aus Mangel an Freunden ja. Also bewirbt sie sich und wird genommen.

Keiko erlebt eine Initialzündung. Nicht eine Persönlichkeit ist hier gefragt, sondern lediglich die Fähigkeit, exakt die Anweisungen des Vorgesetzten auszuführen. Sie muss nicht selbst entscheiden, wie sie sich in bestimmten Momenten zu verhalten hat, nein! Für alle Situationen gibt es einen Leitfaden, die gewünschte Art der Kommunikation ist durch die Ladenkette genau vorgegeben. Individualität? Nein, danke! Keiko fühlt sich wie im Himmel. Sie geht völlig auf in ihrer Rolle als zukünftige Verkäuferin, eignet sich Stimmlage und Modulation des Schulungsleiters an und schaut sich akribisch die Schulungsvideos. Findet sie eine Kollegin besonders tüchtig, kopiert sie deren Art und wird so nach und nach zur perfekten Mitarbeiterin. Endlich etwas, worin sie ein wahres Talent ist! Und so ist es nur zu gut zu verstehen, was sie denkt:

'Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied in der Gesellschaft.'

18 Jahre ist dies mittlerweile her. Vorgesetzte kamen und gingen - Keiko blieb. Die anfängliche Freude ihrer Eltern über ihren angeblichen Einstieg in die Normalität hat einer gewissen Ratlosigkeit Platz gemacht. Warum um alles in der Welt hat die verschrobene, aber ja clevere Keiko diesen Nebenjob nicht längst beendet? Warum hat sie nicht eine richtige, gut bezahlte Stelle gesucht und dann geheiratet? Sie scheint doch nun zu wissen, wie man sich in der Gesellschaft bewegen muss ...

Doch in Wirklichkeit weiß sie das noch immer nicht. Nur in ihrem Mini-Orbit 'Konbini' fühlt sie sich sicher, jeder Situation gewachsen. Ab und an trifft sie sich mit alten Schulkameradinnen, die sie bei einem Klassentreffen wiedergetroffen hat und die begeistert sind, dass Keiko so viel offener geworden ist seit der Schulzeit. So spannend Keiko diese losen Verabredungen als 'Feldforschung' findet, es strengt sie doch ungemein an, sich außerhalb des Konbini zu bewegen. Kein Skript, kein Leitfaden, ungeahnte Fragen - wie soll sie darauf antworten? Zudem häufen sich mit den Jahren die unangenehmen Nachfragen nach einem Freund, Mann und ... nach Kindern!

Und dann tritt eines Tages ein neuer Mitarbeiter über die Schwelle des Marktes und bringt Keikos strukturiertes Dasein enorm ins Wanken. Shiraha heißt der Neue, er ist weder sympathisch noch gut, weder gutaussehend noch charmant. Die Stimmung im Supermarkt verändert sich und Shiraha wird wieder gefeuert und doch scheint es, als wolle das Schicksal Shiraha einen besonderen Platz in Keikos Leben einräumen. Über abstruse Umwege kommt es dazu, dass er bei ihr einzieht. Das klingt romantischer als es ist:

'Gut, solange du kein Einkommen hast, geht es sowieso nicht anders. Außerdem bin ich selber knapp bei Kasse, also käme eine Bezahlung nicht in Frage, aber Futter gebe ich dir, wenn du es isst.'
'Futter?'
'Entschuldige. Ich habe zum ersten Mal ein Lebewesen bei mir. Mir ist, als hätte ich ein Haustier.'

Keiko bleibt eben Keiko - Gefühle sind ihr fremd. Und so währt auch die Freude ihrer Schwester nicht lange, als sie merkt, dass in dieser merkwürdigen Beziehung Keikos zu diesem Mann nichts so ist, wie es sein sollte ...

Sayaka Murata beschreibt äußerst lakonisch die beengte, festgefahrene Welt der gefühllosen Keiko. Dass dies ein japanischer Roman ist, ist überall zu spüren. Die fremde Denkwelt, die Mentalität und Gesellschaft werden in jedem Abschnitt des Textes fühlbar. Mit großem inneren Abstand zu ihrer Hauptperson beschreibt die Autorin deren Leben. Ein Sich-hineindenken in die Protagonisten kommt dadurch nicht zustande, ist aber sicherlich auch nicht beabsichtigt. Diese Distanz gehört zum Buch, verstärkt die Eigenwilligkeit der Protagonistin, unterbindet aber auch eine große Leidenschaft. Kann ich mich nicht mit den dargestellten Personen identifizieren oder zumindest 'verbünden', bleibe ich außen vor, bleibe unbeteiligter Beobachter. Habe ich bei 'Ich, Eleanor Oliphant', einer anderen wenig angepassten Romanheldin, deren emotionales Spektrum ebenfalls deutlich limitiert ist, von A-Z mitgelitten und mitgefühlt, bin ich hier nur Konsument eines guten, aber sterilen Textes. Ein Text, so klar und schnörkellos wie ein Convenience Store, so sauber und irgendwie unwirklich.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag


Das beste Buch des Jahres

Es ist ja immer ein Segen, wenn man einfach NICHTS von einem Buch weiß und es unbeeinflusst genießen kann. Als ich 'Eleanor Oliphant is completely fine' [Ich habe das Buch im Original gelesen, die deutsche Version davon heißt 'Ich, Eleanor Oliphant'] im Buchladen stehen sah, dachte ich nicht lange nach. Ich freute mich über die knalligen Farben, lachte über die Tatsache, dass vorne das Buch von der US-Schauspielerin Reese Witherspoon gelobt und hinten auf der Rückseite auch gleich der 'soon to be'-Film zum Buch mit ihr beworben wurde und staunte, dass - wie ich auf den dritten Blick erst kapierte - Reese auch noch einen (virtuellen) Buchclub hat, in dem sie mit der Welt über ihre aktuelle Lektüre spricht.

Gelesen habe ich das Buch einige Zeit später im Familienurlaub. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Ich konnte nicht mehr aufhören! Ich nahm es sogar mit ins Hallenbad an einem regnerischen Tag, setzte mich auf eine eklige Plastikliege und ließ die Kinder Spaß haben. Ich legte es beim Abendessenvorbereiten auf die Arbeitsplatte neben mich, um eben noch ein paar Seiten weiterzulesen, und ich reagierte nicht, wenn mein Göttergatte mich ansprach, während ich las, weil ich so vertieft war. Es ist für mich definitiv bislang das beste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe!

Eleanor ist eine junge Frau, die ein gutes Herz hat, der es aber massiv an sozialem Feingefühl fehlt. Sie ist nicht böswillig oder unfreundlich, sie hat nur einen komplett unterentwickelten Instinkt dafür, wie man sich in manchen Situation verhält bzw. was man sagt und was man - rein taktisch - besser nur denkt, weil es sein könnte, dass das Gegenüber falsche Schlüsse daraus zieht ... Sie ist so gänzlich unbedarft, kennt keine Schamgrenze, bemerkt nicht im Ansatz, wenn sich ihr Gegenüber vor Fremdschämen windet. Dieses Konzept könnte man als billige Möglichkeit missbrauchen, Seiten zu füllen, indem man sich über jemanden lustig macht, der seine Fehler nicht bemerkt. Doch das ist nicht so. Eleanor wird nicht bloßgestellt, sie wird von Gail Honeyman lediglich genau skizziert, doch dabei immer liebevoll behandelt. Das alles gehört zum großen Ganzen, denn die große Frage, die über all dem schwebt ist ja: Warum ist Eleanor so?

Dementsprechend schräg ist auch gleich der Start, wenn Eleanor beschreibt, wie sie am Vortag wegen Rückenschmerzen beim Arzt war. Unverblümt erklärt sie ihm, was sie als Grund für die Schmerzen ansieht:

'What is it that you think is causing your back pain, Miss Oliphant?'
'I think it's my breasts, Doctor,' I told him.
'Your breasts?'
'Yes,' I said. 'You see, I've weight them, and they're almost half a stone - combined weight, that is, not each!' I laughed. He stared at me, not laughing. 'That's a lot of weight to carry around, isn't it?' I asked him. 'I mean, if I were to strap half a stone of additional flesh to your chest and force you to walk around all day like that, your back would hurt too, wouldn't it?'
He stared at me, then cleared his throat.
'How ... how did you ...?'
'Kitchen scales,' I said, nodding. 'I just sort of ... placed one on top. I didn't weigh them both, I made the assumption that they'd be roughly the same weight. Not entirely scientific I know, but-'
'I'll write you a prescription for some more painkillers, Miss Oliphant,', he said, talking over me and typing.

Das Gute ist, Eleanor ist nicht unglücklich. Sie sieht nicht, wie den Leuten die Kinnlade herunterklappt ob ihrer Äußerungen, sie bemerkt nicht, dass hinter ihrem Rücken getuschelt wird - und wenn, dann tut es ihr nicht weh, denn sie sieht den Fehler bei den anderen. Über den jungen Herrn Doktor beispielsweise schüttelt sie innerlich altklug den Kopf und wundert sich über seinen schlechten Umgangston mit seinen Patienten:

That's the only downside to the younger ones; they have a terrible bedside manner.

Das ist wichtig, so bleibt Eleanor geschützt in ihrem kleinen Kokon.

Ihr Kokon: Eleanor hat einen kleinen Job als Sachbearbeiterin in der Finanzabteilung einer Firma für grafische Gestaltung. Dort arbeitet sie seit ihrem Studienabschluss. Sie gilt als verschroben, aber zuverlässig - quasi als harmloser Freak. Ihr Chef schätzt ihre gewissenhafte und loyale Art - sie ist anspruchslos und ehrlich, braucht kaum mal einen freien Tag und ist so gut wie nie krank.

Eleanor hat keine Freunde, geht nie aus - höchstens mal auf Firmenfeiern, die sie aber kaum genießen kann, da sie die Umgangsformen bei solchen Events weder dechiffrieren kann, noch selbst beherrscht. Sie folgt in ihrem Alltag einer festen Routine: Sie geht zur Arbeit, kauft Lebensmittel ein, geht nach Hause und telefoniert einmal die Woche mit ihrer Mutter. Am Wochenende trinkt sie gern das eine oder andere Gläschen Wodka. Irgendwie muss sie die Zeit bis Montag ja rumkriegen. Man kann es nicht schönreden: Eleanor Oliphant lebt nicht wirklich, sie funktioniert. Oder krass gesagt: Sie vegetiert vor sich hin.

Ihr privates Telefon klingelt so gut wie nie, wenn doch, dann reagiert sie recht eigenwillig:

My phone doesn't ring often - it makes me jump when it does - and it's usually people asking if I've been mis-sold Payment Protection Insurance. I whisper I know where you live to them, and hang up the phone very, very gently.

Der Wendepunkt in ihrem kleinen Dasein kommt ungeahnt - und besteht genaugenommen aus zwei Situationen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: Sie schockverliebt sich in den Sänger einer lokalen Band und ihr PC bei der Arbeit geht kaputt.

Während die erstgenannte Tatsache eher ihre äußere Erscheinung verändert, verwandelt die zweite Tatsache nach und nach vor allem ihr Innenleben.

Um den Sänger irgendwann mal kennenzulernen und zu beeindrucken, muss sie etwas ändern - das ist sogar der weltfremden Eleanor klar. Sie beschließt, mehr auf ihr Äußeres zu achten und zu tun, was offensichtlich andere in ihrem Alter so machen. Eine beeindruckende Odyssee beginnt, bei der sie unter anderem zur Maniküre geht, sich einer Brasilian-Wax-Anwendung unterzieht, sie sich dem ihr fremden Thema der Kosmetik zuwendet und neue Kleider kauft. Natürlich alles auf die ihr ureigenste Weise ...

Durch den kaputten PC bei der Arbeit lernt sie wenige Tage nach dem Konzert den neuen IT-Fachmann Raymond kennen, der gerade erst ein paar Wochen in ihrer Firma arbeitet. Ein unattraktiver junger Kerl, wie sie findet, mit Bäuchlein, schütterem Haar und rosafarbener Haut - ein bisschen wie ein Schweinchen. Nicht zu vergleichen mit dem wunderbar eleganten Sänger, dem ihr Herz gehört, der so edle Lederschuhe trägt - und nicht ausgelatschte Turnschuhe. Doch wenigstens ist Raymond fachlich kompetent und so läuft das Gerät bald wieder. Eleanor hofft inständig, dass sie dem wenig beeindruckenden IT-ler möglichst nicht so bald wieder begegnen wird.

Kurze Zeit später verlassen Eleanor und Raymond zeitgleich das Büro und Eleanor muss zu ihrem großen Leidwesen ein Stück des Weges mit ihm gehen. Raymond versucht sich in Smalltalk, doch Eleanor ist eine harte Nuss. Als sie am Fußgängerüberweg auf Grün warten, klappt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein alter Mann zusammen und bleibt regungslos am Boden liegen. Während Raymond sofort empathisch losrennt, um zu helfen, ist Eleanor völlig ratlos. Was soll sie nun tun? Wie muss sie sich verhalten? Eine solche Situation musste sie noch nie bewältigen. Doch Raymond scheint zu spüren, wie schlecht sie mit der Sachlage klar kommt und leitet sie an. Dann steigt er zu dem alten Herrn in den Krankenwagen, jedoch nicht, ohne Eleanor vorher noch seine Handynummer aufzuschreiben und sie dazu zu verdonnern, ihn später anzurufen und sicherheitshalber die Einkaufstaschen des Gestürzten mitzunehmen.

Dieser Vorfall verändert Eleanors Leben drastisch. Sammy Thom, so heißt der alte Herr, überlebt seinen Herzinfarkt und wird zu einem unsichtbaren Band, das Raymond und Eleanor aneinander bindet.  Durch Sammy und die Tatsache, dass Raymond und sie nun seine Lebensretter sind, wird die junge Frau gezwungen, auf eine Weise mit anderen Menschen zu interagieren, wie sie es seit Jahren nicht getan hat: spontan und unplanbar. Eleanor muss plötzlich täglich mehrfach aus ihrer Komfortzone heraustreten, hinein ins unbekannte Terrain der zwischenmenschlichen Kommunikation. Und der unscheinbare, vermeintlich so ungehobelte Raymond wird zu einer der Lichtgestalten in Eleanors Leben. Ohne dass sie es merkt, ist er ihr personifizierter Leitfaden durch das zwischenmenschliche Chaos, das die Welt für sie darstellt. Und sie beginnt zu begreifen, dass sie einen wackeligen Schritt nach dem anderen nach vorn gehen muss, angeleitet von Raymond, um ein echtes Leben zu bekommen.

Ein Buch, das von unglaublichem Sprach- und Wortwitz überbordet, jedoch auf eine ganz subtile Weise. Kein schenkelklopfendes Lachen ruft das Buch hervor, sondern ein inneres Glücksgefühl darüber, dass es Menschen gibt, die mit der Sprache so etwas anstellen können. Gail Honeyman skizziert diese Eleanor Oliphant auf so umwerfende Weise, mit einem derart abstrusen Charme - trotz ihrer Defizite im sozialen Umgang mit anderen -, dass man nicht anders kann, als sich in die Hauptfigur zu verlieben. Es ist kein leichtes Buch, das Thema klingt nur vermeintlich locker und Eleanors Schicksal ist bedrückend, doch das Traurige, Erschütternde kommt mit einer derartigen Leichtigkeit daher, dass man mit Eleanor zusammen genug Stärke entwickelt, das durchzustehen. Es scheint, als würde dies eines der ersten Bücher werden, das ich tatsächlich noch einmal lesen werde, weil es schöner wird, je öfter und genauer man es liest.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


Dann schlaf auch duSehenden Auges ins Verderben ...

Die junge französische Autorin Slimani, die in Frankreich mit dem Orden der Künste und der Literatur ausgezeichnet wurde, hat einen unheimlichen Roman über eine bis hin zur Aufopferung hilfsbereite und augenscheinlich freundliche Kinderfrau namens Louise geschrieben. Myriam und Paul, ein junges, reiches Pariser Paar, engagieren sie für die Betreuung ihrer beiden Kinder, denn Myriam möchte wieder als Anwältin arbeiten und ihr Mann ist ein erfolgreicher Musikproduzent. Mit der Zeit macht sich Louise immer unentbehrlicher, der Leser erfährt nach und nach von ihren Problemen und es ergeben sich einige Ungereimtheiten. Man möchte die Eltern warnen und wundert sich, wie passiv und abwartend sie sich verhalten, denn es gibt einige Warnsignale. Doch die Eltern schieben ihre Zweifel beiseite, es ist so bequem, dass Louise sich um alles kümmert. Dabei verwischen zunehmend die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichen.

Bereits die ersten Sätze des Romans berichten nüchtern von dem grausamen Verbrechen, das sich am Ende der Geschichte ereignet. Der Roman entrollt dann aus verschiedenen Perspektiven und psychogrammartig Stück für Stück das Drama einer krankhaften und gefährlichen Beziehungsverflechtung. Lesen Sie selbst diesen sozialkritischen psychologischen Thriller!

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Die großen Fragen des Lebens

In ihrem großartigen Roman-Debut erzählt die Hamburger Autorin Kristine Bilkau von Isabell und Georg, einem jungen Paar in einer schönen Altbauwohnung in Hamburg, gebildet und gut situiert.

Gerade haben sie ihr erstes Kind bekommen. Isabell ist Cellistin, seit einer Weile zittern ihre Hände beim Spielen. Wie soll es bloß weitergehen? Georg ist Journalist, seine Zeitung baut Stellen ab und er verliert seinen Job. Ihr gesamter Lebensentwurf scheint damit in Frage gestellt. Was wird passieren, wie werden sie damit umgehen? Glück ist doch auch Wohlstand. Was bedeutet ihnen Wohlstand?

Beide beginnen damit - jeder für sich - auf ganz unterschiedliche Weise - zu rechnen, zu  vergleichen, ihr Leben neu zu überdenken. Damit lösen sie sich aus vorgegebenen Mustern und finden individuelle, gemeinsame Lebensmuster.

Das Thema des Romans ist mitten aus dem Leben gegriffen und man stellt sich beim Lesen automatisch Fragen wie diese: Wie gelingt einem das gute Leben, was ist man bereit dafür zu geben, wie findet und behält man das „echte Glück“, entspricht es auch der eigenen Wahrheit? Finden Sie selbst beim Lesen dieses modernen Romans Antworten auf diese Fragen, es lohnt sich …

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken

 


Erschreckend nah an der Wirklichkeit

Marc-Uwe Klings neuer Roman ist eine „lustige Dystopie“ und erhältlich in zwei unterschiedlichen Ausgaben: ein schwarzer Einband für Pessimisten oder ein helles Grau für Optimisten. Seine Begründung: 'Da sich mein neues Buch viel um Personalisierung und ihre Absurditäten dreht, kam mir schon früh die Idee, diese Personalisierung auch dem Roman selbst angedeihen zu lassen. Zwischen den eigentlichen Kapiteln, die in beiden Ausgaben identisch sind, befinden sich Empfehlungen, Nachrichten und Werbung, die voneinander abweichen. Am Ende des Romans findet sich ein Link, der zu den Unterbrechungen der jeweils anderen Ausgabe führt.'

Der Protagonist Peter Arbeitsloser (alle Charaktere tragen den Beruf der Eltern als Nachnamen) ist ein „Unnützer“ im erfolgreichsten Land aller Zeiten, in dem nur Superlative erlaubt sind. Der allmächtige Versandhändler „TheShop“ beinhaltet alle Produkte, die das Herz begehrt, und was es begehrt, wird von intelligenten Maschinen berechnet und an den Kunden per Lieferdrohne gesendet, bevor er es überhaupt weiß. Die Dating-Agentur „QualityPartner“ dient der Findung des perfekten Komplements, mit „OneKiss“ handhabt man sein Touchpad durch den individuellen Lippenabdruck, ein digitaler Assistent in Form eines winzigen Roboterwurmes im Innenohr kommentiert jegliches Handeln und Vorhaben, es gibt selbstfahrende und sprechende Autos, Androiden im Wahlkampf und vieles mehr.

Entdecken Sie selbst auf unterhaltsame Art, wie nah sich Wahrheit und Fiktion sein können.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Janina Thiel


Plötzlich ist ein Kind verschwunden

Für ihr Romandebüt „Elly“ wurde die 1974 geborene Autorin zahlreicher Erzählungen und Drehbücher Maike Wetzel aus Berlin bereits mit dem Robert-Gernhardt Preis und dem Martha-Saalfeld-Preis geehrt.

Elly ist ein elfjähriges Mädchen, das auf dem Weg zum Judotraining verloren geht, nur ihr Fahrrad wird gefunden, von dem Mädchen fehlt jede Spur. Ihre Eltern und die zwei Jahre ältere Schwester Ines müssen mit der Ungewissheit weiter leben. „Meine Schwester ist tot. Ich traue mich kaum, das zu denken, weil ich weiß, dass mein Glaube genügt, um sie umzubringen. Elly hat nur noch uns. Unser Glauben hält sie am Leben.“ Jedes Familienmitglied leidet auf seine Weise unter dem Verlust, die Mutter Judith betäubt sich durch Psychopharmaka, der Vater Hamid stürzt sich in die Arbeit, betreibt umfangreiche Recherchen, beauftragt Detektive und organisiert Aktionsbündnisse, die pubertierende Ines schwankt zwischen Gefühlen der Abgeklärtheit, der Wut und der Sehnsucht. Dadurch dass abwechselnd aus den Perspektiven der drei Zurückgebliebenen in der ersten Person erzählt wird, kommt man den Gedanken und Gefühlen der Familienmitglieder sehr nah, sie kreisen permanent um Elly. Den Alptraum der Ohnmacht beschreibt Maike Wetzel einfühlsam und schonungslos. Kurze, schnelle Sätze formen die Syntax der Sprach- und Fassungslosigkeit. Die Familie ist versehrt wie nach einer Amputation und doch hofft man, dass alles wird wie früher, als sie noch ein Ganzes war.

Dann taucht auf einmal das vermisste Kind wieder auf - nach vier Jahren des Warten und Bangens - und ist kein Kind mehr, sondern eine traumatisierte Jugendliche, deren ganzes Erscheinen und Verhalten befremdend sind. 'Als Elly zurückkehrte, dachten meine Eltern und ich, wir hätten das Schlimmste hinter uns. Heute weiß ich: Folter ist ein unendlich zu multiplizierender Begriff.'

Maike Wetzels kraftvoller Erzählstil erinnert an Judith Hermann („Alice“), die auch kein Wort zu viel schreibt, sondern mit ungewöhnlichen Sprachbildern Stimmungen schafft, die das Unbewusste, Unaussprechliche und Unerhörte ausdrücken.

Der Roman ist keine leichte Kost, doch wer psychologische Themen mag und vor den Abgründen der menschlichen Seele nicht zurück schreckt, wird ihn gebannt lesen und dabei Gänsehaut verspüren. Vladimir Nabokov sagte angeblich einmal, dass man gute Literatur genau daran erkenne, dass es einem kalt den Rücken runterlaufe.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Janina Thiel


Auftakt einer spannenden
Fantasy-Reihe ab 14 Jahren

Im Hause „Magnalia“ werden Mädchen mit besonderen Talenten ausgebildet, um dann als Berufene in den Dienst  zu treten.  Auch die 17-jährige Breanne sucht nach einem Gönner und muss sich entscheiden, welchen Weg sie beschreiten möchte: Den Weg eines eigentlich aussichtslosen Kampfes gegen eine Bedrohung oder den Weg, den ihre Gefühle ihr weisen. Mit dem Wissen, das Breanne im Hause Magnalia erworben hat und ihrer besonderen Gabe lässt sie sich auf ein Abenteuer ein, das sie zu einem Geheimnis in ihrer Vergangenheit führt. Dieser erste Band der „Valenias Töchter“-Trilogie entführt in eine Welt, die zuerst angelehnt ist an eine romantische Zeit wohlbehüteter Töchter aus gutem Hause des 18.Jahrhunderts und dann die Wendung zu einem spannenden Fantasy-Abenteuer findet.

 

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Rezensiert von unserer Kollegin Sonja Kovacevic

 

Ganz weit oben

Der Debutroman von Julia von Lucado scheint das Schicksal der talentierten Hochhausspringerin Riva zu behandeln, die aus unerklärlichen Gründen ihre Profession des Flydivings einstellt. Die Psychologin Hitomi wird von der Sponsorenfirma beauftragt, die Gründe für die Arbeitsverweigerung herauszufinden und schnellstmöglich die Heilung der scheinbar kranken Riva in die Wege zu leiten.

Hitomi stürzt sich sogleich in die Arbeit, denn von ihrem Erfolg hängt auch ihr Einkommen und der Status in ihrer Firma ab. Stundenlang beobachtet sie Riva durch versteckte Echtzeitkameras und taucht bei Recherchen von Blogeinträgen und Datenaufzeichnungen über Rivas Tätigkeiten in deren Leben ein. Sie verstrickt sich immer mehr in ihre passionierte Aufgabe. Dabei erinnert sie sich vermehrt an ihre Jugendfreundin Andorra, deren damals plötzliches Verschwinden sie immer noch nicht verkraftet hat.

Erst als sie den Blogger Zarnee entdeckt, scheint dieser eine denkbare hilfreiche Lösung für Rivas Heilung zu sein.

Julia von Lucado ist mit diesem Debut ein hochspannender, aber auch bedrückender, dystopischer Roman gelungen, der den Leser nachdenklich zurücklässt mit den Fragen, wohin die gläserne, digitale Präsenz uns führen wird.

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Gestörte Idylle

Wie ein Mosaik geschriebener Roman, der die tragische Geschichte von Wade und Jennifer erzählt.

Ein junges Paar, das sich am Anfang seiner Ehe ein gemeinsames Leben in einem einsamen Haus auf einem Berg in Idaho erträumt.

An einem warmen Sommertag jedoch wird die Idylle zerstört, als die beiden durch einen Mord im Affekt ihre Tochter May verlieren. Die ältere Tochter June, die die Tat mit ansehen musste, verschwindet daraufhin spurlos. Jennifer, die ihre Tochter May erschlagen hat, wird Jahre im Gefängnis verbringen. Dort wird eine Mitgefangene die Freundschaft mit ihr suchen.

Ann, die ehemalige Klavierlehrerin und zweite Frau von Wade, versucht während ihres gemeinsamen Lebens im Wettlauf mit Wades beginnender Frühdemenz das Rätsel der tragischen Tat zu entwirren.

In mehreren Zeitebenen erzählt die Autorin von Wades und Jennifers Jugend, Jennifers Mitgefangenen im Gefängnis, Anns Leben als junge Lehrerin und von den Töchtern May und June.

Interessantes Debut, fesselnd und kompakt erzählt, mit einer psychologischen Tiefe.

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Das Leben bietet alles

Die Innenarchitektin Nava hat mit dem Leben, das sie bisher geführt hat, abgeschlossen, seit ihr Mann und Sohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Sie beschließt in ein Heim für betreutes Wohnen zu ziehen, da ihre Lebenseinstellung nun eher denen ähnelt, die hier beheimatet sind. Sie erwartet nichts mehr, erhofft sich nichts mehr und versucht mit dem Verlust ihrer Lieben zurechtzukommen.

Doch es regt sich Widerstand im Heim, die Alten wollen nicht mit der Jugend von Nava konfrontiert werden. Auch die Familie ihres Bruders Chanan mit seiner burschikosen und liebevollen Frau Jonina versucht Nava mit direkten Aufforderungen wieder ins Leben zurück zu schubsen. Trotz ihrer Trauer erweckt Nava die Aufmerksamkeit von Schlomi, einem Tischler in der Werkstatt des Bruders, und auch Joavi, der alleinstehende Sohn der 80-jährigen Nachbarin Navas, wirbt um sie. In Ola, einer Kollegin des Supermarkts, in dem Nava als Kassiererin jetzt arbeitet, findet Nava eine gute Freundin, die ihr bei manch einer Entscheidung hilfreich zur Seite steht. Bei all diesen neuen Beziehungen begleitet man Nava in ihren Gedanken und dem Hin- und Hergerissensein zwischen dem Davor und Danach. Sie erfährt dabei auch, dass nicht nur sie eine Geschichte zu erzählen hat und dass es mehr im Leben gibt als Trauer oder Selbstmitleid.

Dieser Roman von Mira Magen ist sehr berührend, voller Gefühle wie Trauer, Wut, Anklagen an Gott und Verzweiflung. Doch die Autorin versteht es, durch die direkte und unverblümte Art der Protagonisten die Tiefe der Empfindungen erträglich zu machen. Die Wendung, die die Handlung nimmt, wird dem Titel des Romans, „Zuversicht', gerecht. Als Leser bleibt man am Ende des Buches durchgerüttelt und hoffnungsvoll zurück.

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Wilder irischer Krimi

Ein gut überlegtes Vorgehen ist eines der wichtigsten Dinge beim Billardspielen, und das Fehlen einer Strategie zum Abräumen der Kugeln einer der häufigsten Anfängerfehler.

Genau diesen Fehler macht die Hauptperson in Declan Burkes Krimi „Eight Ball Boogie“, der Privatdetektiv und Gelegenheits-Reporter Harry Rigby. Und nicht immer ist klar, ob er in dieser Geschichte über einen ungelösten Familienstreit, Korruption und Bestechlichkeit eher der Queue oder doch nur eine Kugel ist.

Mit der Geschwindigkeit der weißen Kugel vor dem ersten Kontakt mit der Bande oder einer anderen Kugel beginnt die Geschichte. Der brutale Mord an Imelda Sheridan als Ausgangspunkt dieser irischen Intrigen-Erzählung ist in den ersten fünf Sätzen erzählt.

Ein Mord, den Harry Rigby dankbar als Story annimmt um für ein paar Pfund einen Artikel über die Tat und mögliche Hintergründe zu schreiben. Dankbar auch, weil sein Zustand Ablenkung gut gebrauchen kann:

Meine Augen waren verklebt, mein Magen verkorkst, mein Schädel vibrierte wie ein straff gespanntes Seil. Im Zimmer stank es nach Mundgeruch, gelangweiltem Sex und kaltem Zigarettenrauch.

Wobei anzumerken ist, dass sein Zustand im weiteren Verlauf nie mehr so gut sein wird, wie in dieser Situation ?

Was Harry Rigby nicht ahnt, ist, dass ihn dieser Fall mit seiner eigenen Familiengeschichte konfrontieren wird. Seit früher Kindheit Waise, wuchs er mit seinem Bruder Gonzo in verschiedenen Kinderheimen auf. Beide schafften es bis heute nicht, die dunklen Tage ihrer Kindheit abzuschütteln. Alkohol und Gewalt sind für sie an der Tagesordnung. Als Harry eine Frau kennenlernt und mit ihr eine Familie gründen will, verführt Gonzo die Freundin seines Bruders und zerstört so diese Beziehung. Danach verschwindet er. Einzige Erinnerung an Gonzo ist ein Foto, das ihn beim Billardspielen zeigt.

Doch bevor Gonzo wieder auftaucht, kommt mit jeder neuer Wendung ein neuer Beteiligter – eine neue Kugel – ins Spiel. Welche Rolle spielt Tony Sheridan, Lokalpolitiker und Ehemann der Ermordeten, in dem ganzen Tohuwabohu? Was haben Frank und Helen Gonway mit dem Mord zu tun? Frank Gonway, ein erfolgreicher, jedoch zwielichtiger Auktionator, Immobilienspekulant und mutmaßlicher Drogendealer, beauftragt Rigby, Beweise für die Untreue seiner Frau zu finden. Undurchsichtig auch die Rollen der beiden Polizisten Detective Sergeant Ronan Brady und Detective Inspector Senan Galway.

Wie beim Anstoß die weiße Kugel, wirbelt Harry Rigby mit seinen Nachforschungen viele Kugeln auf, um in der hier so passenden Bildsprache des Billardspiels zu bleiben. Der Leser darf diverse Gewaltszenen durchleben, bis sich die einzelnen Kugeln bzw. Beteiligten aus der Geschichte verabschieden (weil ermordet) oder ihre Rolle klar wird.

Der Krimi und sein Personal spiegeln ein irisches Klischee wieder: Sex, Drugs and Rock ?n? Roll. Kein Gespräch, das nicht von Vulgarität und Zynismus geprägt ist. Gewalt jeglicher Schattierung ist ständiger Begleiter dieser Geschichte.

Sprachlich macht Declan Burke alles richtig, wenn er seinen ganzen Roman in genau die Tiefen des Sprachniveaus herabsinken lässt, in denen sich seine Protagonisten bewegen. Da gibt es kein beobachtendes Beschreiben eines übergeordneten Erzählers, sondern Burke wählt als (einzig logische) Perspektive für sein Buch den Ich-Erzähler Harry, der den Leser dann mit ins Geschehen zerrt, als wäre er live dabei.

Wer mit einer solch ruppigen Sprache, einem Plot, der nichts für schwache Gemüter ist, und der allgemeinen Wucht des Settings klarkommen kann, der wird mit „Eight Ball Boogie“ seinen Spaß haben. Ein deftiges Lesevergnügen – allerdings ohne großartigen Nachhall.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


Imagine

Er war unbestritten einer der größten Musiker des letzten Jahrhunderts und es gibt viele, die bei ihm nicht einmal vor dem großen Begriff „Genie“ zurückschrecken. Bis heute interessieren sich die Menschen vor allem dafür, was hinter der Fassade des legendären Beatles steckte. Wie tickte John Lennon wirklich? Wie gut oder schlecht verstanden er und Paul McCartney sich wirklich. Die beiden waren erst beste Freunde, dann größte Rivalen, Feinde fast – dann ? ja, was? Waren sie wieder Freunde? Geschäftspartner? Duldeten sie sich um des schnöden Mammons Willen? Ertragreich war ihre Zusammenarbeit jedenfalls immer. Und dann gibt es da natürlich die Frau, an der sich die Geister scheiden, bis heute: War Yoko Ono Fluch oder Segen für Lennon? Seine größte Inspiration oder sein Untergang?

David Foenkinos, der mir seit seinem grandiosen Roman „Charlotte“ sehr am Herzen liegt, hat sich mit der Idee, einen Roman über John Lennon zu schreiben, keine leichte Aufgabe vorgenommen. Oder wie es die französische Zeitung „Le Figaro“ so schön formulierte:

Inside John Lennon: Die Herausforderung war groß. David Foenkinos hat sie mit Bravour gemeistert.

„Inside John Lennon“ – das bringt es tatsächlich auf den Punkt. Was der französische Autor hier vorlegt, ist kein Roman im herkömmlichen Sinne. Es liest sich wie ein autobiografisches Dokument, wie Tagebucheinträge Lennons, die endlich ans Licht gekommen sind, – oder besser ausgedrückt, wie schriftliche Aufzeichnungen von Mitschnitten.

Foenkinos lässt „seinen“ Lennon achtzehn Sitzungen beim Psychologen absolvieren. Dabei redet sich der Roman-Lennon alles frei weg von der Leber, alles in schnodderigem Umgangston. Es ist ein Monolog, niemals antwortet, unterbricht oder fragt das Gegenüber. Lennon flucht, er schimpft, er lobt aber auch und nimmt zu harte Äußerungen auch wieder zurück. Kurz: Lennon menschelt.

Ich tue mich schwer damit, dem Urteil von „Le Figaro“, dass Foenkinos seine Aufgabe mit Bravour meisterte, zuzustimmen, weil: Lennon menschelt mir manchmal zu sehr. Lennon war Brite, Foenkinos ist Franzose, ich lese die deutsche Übersetzung des französischen Werkes – das, was da an vorgeblich authentischer Lennon-Sprache auf dem Papier steht, ist mir manchmal einfach schon zu plakativ. Was weiß ich, wie Lennon geklungen hätte, wäre er Muttersprachler Deutsch gewesen – aber ob es nun das ist, was mir hier vorgesetzt wird – keine Ahnung! Ich kann nur subjektiv sagen, dass mich der bemühte Lennon-Sprachduktus manchmal nervt. Ganz einfache, schlichte Sätze – eben eher gesprochene Sprache schriftlich fixiert.

Der Autor lässt seinen Lennon in diesen Sitzungen nun von seinem Leben erzählen, natürlich beginnend bei der Kindheit, die in der Tat traurig und negativ prägend für den Musiker war: Seine Mutter verließ ihn, als er ein kleiner Stöpsel war. Er wuchs bei seiner Tante Mimi auf. Die Mutter tauchte nur immer wieder wie ein Deus ex machina auf, brachte Unruhe ins funktionierende System und verschwand dann erneut. Dramatisches spielte sich da vor den Augen des kleinen John ab.

Jedes Kapitel hat einen unterschiedlichen Schwerpunkt und so erfährt der Leser viel über Lennons Biografie. Doch wer kennt ihn nicht, den Lebenslauf dieses Mannes? Wer wüsste nicht Bescheid über die Anfänge in Liverpool, die ersten großen Erfolge in Hamburg (yeah!) und den dann kometenhaften Auftstieg der „Pilzköpfe“?

Das ist für mich das Hauptproblem dieses Buchs: Es ist genau genommen überflüssig. Sicher, es liest sich gut, denn Foenkinos kann einfach toll schreiben, doch was ich lese, ist Allgemeingut. So wie der ganze John Lennon Allgemeingut geworden ist. Ich glaube dem Autor, dass er seit Kindertagen ein großer Fan der Beatles ist, dass er viel und gut recherchiert hat – doch was gibt es heute denn noch, was man nicht über John Lennon wüsste?

Während der ganzen Lektüre hatte ich von den beschriebenen Sequenzen merkwürdig lebhafte Bilder vor Augen – bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel: Irgendwann vor einigen Jahren gab es im Fernsehen mal einen dokumentationsartigen Film über John Lennon, den ich gesehen hatte, und der alles thematisierte, was im Buch auch angesprochen wurde. Ich hatte Tante Mimi klar vor Augen, sämtliche beschriebenen Situationen, so wie z. B. der Moment, als Touristenbusse vor dem Haus der alten Tante halten und hysterisch kreischende Damen Einlass verlangen (und anfangs bekommen!), weil sie Lennons Jugendzimmer sehen wollen.

Nichts, was ich gelesen habe in dem grob 200 Seiten umfassenden Roman, war mir komplett neu. Alles hatte ich schon mal irgendwo gelesen, gehört, gesehen. Daher war auch der Spannungsbogen kaum vorhanden für mich.

Einzig, dass Lennon phasenweise extrem gewalttätig geworden ist, war mir bislang nicht bekannt, und auch nicht, dass die lieben, guten Beatles gar nicht so lieb waren. Dass man ihnen das Image, wie die Bilderbuchschwiegersöhne auszusehen, aufgedrückt hatte – und dass sie in Wirklichkeit genauso über die Stränge geschlagen haben wie die Stones. Sowohl was Sex als auch was Drogen angeht.

Und so lege ich das Buch nach zwei Abenden netter, aber doch wenig außergewöhnlicher Lektüre beiseite und bin unentschlossen, was ich dazu sagen soll. Ein ehrgeiziges Buchprojekt über ein zu bekanntes Thema.

Ein wenig melancholisch werde ich, als ich den Epilog lese, denn tatsächlich stehen dort die paar Sätze, die mich mehr anrühren als der ganze restliche Roman:

Der Verwundete wird so schnell wie möglich ins Roosevelt Hospital gebracht. Unterwegs bemüht sich der Beamte, Lennon bei Bewusstsein zu halten. Er verliert zu viel Blut. Der Polizist fragt ihn: „Sind Sie John Lennon?“ Lennon antwortet Ja. Das ist sein letztes Wort. Er stirbt kurz vor Mitternacht.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag


Die Hölle auf Erden

Eingepfercht wie Tiere hocken die vier Leidensgenossen im Istanbuler Gefängnis. Sie sind die Insassen einer der vielen Zellen, die sich aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Schräg gegenüber sind ebenfalls Zellen. Menschenverachtend, zu klein, dreckig, ohne Betten, ohne WC, ohne Wasser, ohne Brot. Wenn die Tür aufgeht, heißt das entweder, dass noch jemand in dieses unwürdige Loch geschmissen wird oder, dass einer von ihnen zum Verhör abgeholt wird.

Die vier Leidensgenossen, das sind Student Demirtay, der Doktor, Barbier Kamo und Kheylan Dayi. Sie sind unterschiedlich alt, haben ganz verschiedene Bildungsniveaus und sind hier, an diesem kleinen Fleckchen Erde, dennoch eine Gemeinschaft. Da draußen, im schönen Istanbul – oder doch zumindest im Istanbul „da oben“ – hätten sich ihre Wege aller Wahrscheinlichkeit nach nie gekreuzt, doch hier, im Elend, laufen die vier Lebenswege zusammen.

Burhan Sönmez hat mit „Istanbul, Istanbul“ einen schonungslosen, brutalen Roman verfasst, der dennoch nicht ohne Schönheit ist. Die Sprache ist orientalisch-blumig in ihren unschuldigsten Momenten. Dann nämlich, wenn die Gefangenen einander (und vor allem sich selbst) Geschichten erzählen, Parabeln, Weisheiten, um nicht verrückt zu werden in dieser Hölle. Sie erzählen gegen die Angst, denn wenn sie schweigen, kommen die Gedanken. Daran, was mit dem Mädchen von gegenüber ist, auf deren blutige Unterlippe und zugeschwollenes Auge der Student Demirtay einen Blick erhaschen konnte. Daran, was mit den Lieben zu Hause ist. Daran, was wohl heute die perfiden Folterideen der enthemmten Wächter sein könnten. Und vor allem daran, wer als nächster abgeholt werden könnte. Ans Rauskommen denkt keiner mehr. Das Überleben im Gefängnisalltag erscheint absurderweise extrem wichtig, obwohl das Überleben ja keinerlei Aussicht auf Verbesserung des Zustandes bietet. Dennoch: Es liegt wohl in der Natur des Menschen, auch in der Hölle noch einen Überlebenswillen zu entwickeln.

Die Sprache verliert verständlicherweise ihre Schönheit, sobald der Autor die erschütternden Zustände und Erlebnisse im Gefängnis schildert. Schonungslos, brutal, plastisch wird sie dann und rührt einen zutiefst. Wer könnte so etwas lesen, ohne in unendlichem Maße betroffen zu reagieren. Eine ohnmächtige Wut macht sich breit, dass es Orte gibt auf dieser eigentlich so schönen, freundlichen Welt, an denen die beschriebenen Dinge keine Fiktion sind, sondern bittere Realität. Dass es Menschen gibt, die sich wie Tiere verhalten und andere wie Tiere halten, sie quälen, erniedrigen, verletzten, demütigen.

Sönmez' Buch ist desillusionierend, trotz seiner schönen Zwischenstücke. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich hat Sönmez selbst Höllisches am eigenen Leibe erfahren. Als Mitglied des türkischen Menschenrechtsvereins IHD und Gründungsmitglied der Stiftung TAKSAV wurde er 1996 bei Übergriffen durch die türkische Polizei schwer verletzt.

Wer ein stabiles Nervenkostüm besitzt, der sollte hineinlesen in dieses Dokument der Weltgeschichte, das einem brandaktuell vorkommt, obwohl es bereits vor drei Jahren geschrieben wurde – aber traurigerweise wird es wohl immer irgendeinen Flecken auf dieser Welt geben, an dem das hier Beschriebene aktuell die Realität darstellt. Man kann ganz egoistisch für sich nur wünschen, dass man niemals selbst an einem solchen Ort sein wird.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag


Einhorn im Schweinestall

Anne B. Ragde steckt alles in ihren Roman, was man braucht, um den Leser anzufixen und dann zufrieden und satt am Ende des Buches in die Sofakissen zurücksinken und sofort online beim Buchhändler des Vertrauens den nächsten Band ordern zu lassen.

Ragde skizziert ihre Figuren sauber, sie legt sie grundsolide an, lässt dem Leser die Möglichkeit, ein Verhältnis zu ihnen zu entwickeln. Alle werden unkonventionell eingeführt in die Geschichte, wir springen in medias res, landen mitten in einer Lebenssituation der jeweiligen Person und laufen erst mal ein bisschen mit ihr mit, um das Geschehen einordnen zu können.

Da ist Tor, der Schweinebauer, der seine Tiere über alles liebt, der darüber aber ein wenig den Umgang mit den Menschen verlernt hat. Harte Schale, weicher Kern.

Dann gibt es Margido, den von einer trauernden Witwe verfolgten Junggesellen und Bestattungsunternehmer – den blassesten der Protagonisten, aber wir befinden uns ja auch erst in Band 1 der Saga ...

Und dann ist da vorallem Erlend, der Schaufensterdekorateur, der mir von allen am meisten ans Herz gewachsen ist. Seit 12 Jahren lebt er mit seinem Mann Krumme zusammen und die beiden haben eine so herzerfrischende, liebevolle Art miteinander, dass man ins Buch hineinkriechen und die beiden umarmen möchte. Erlend hat ein Riesenfaible für Swarowski-Glasfiguren, wobei dem gläsernen Einhorn eine besondere Rolle zuteil wird.

Diese drei ungleichen Gesellen haben so gar nichts gemeinsam und doch haben sie dieselben Wurzeln, auch wenn sie seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegen: sie sind Brüder.

Als von heute auf morgen ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet, trifft das eigentlich nur einen wirklich in Mark und Knochen, nämlich Tor, da er und die Eltern seit Jahren gemeinsam auf dem Hof der Familie leben.

Ob sie wollen oder nicht, die neue Situation zwingt alle drei Brüder, sich wieder miteinander zu beschäftigen, miteinander zu reden – und auch mit ihrem unscheinbaren, ungeliebten Vater, für den sich kein Mensch jemals interessiert hat. Und dann greift Tor auch noch zum Telefon und ruft eine Frau namens Torunn an ...

Und so scheint das Unglück der Mutter trotz aller Trauer die Möglichkeit eines Neuanfangs zu bieten. Oder?

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag


Abrogans

„Das Päckchen“ ist ein großartiges Buch, das mir viel Freude bereitet hat – auf ganz unspektakuläre Weise. Es ist kein marktschreierisches Werk, es ist bescheiden – Titel, Cover und – da lehne ich mich sicherlich nicht zu weit aus dem Fenster – sogar Autor erscheinen allesamt dezent und ungekünstelt. Doch wehe dem, der diese Bescheidenheit mit mangelnder Raffinesse verwechselt!

Protagonist Ernst Stricker ist Bibliothekar in Zürich und gerade beruflich unterwegs in Bern. Kurz bevor er zum Bahnhof geht, beschließt er, ganz altmodisch, seiner Frau aus einer Telefonzelle kurz Bescheid zu geben, dass er sich nun auf den Heimweg machen wird. Gerade als er den Hörer abnehmen will, um die heimische Nummer einzutippen, klingelt der öffentliche Apparat. Ratlos schaut er sich um – keiner scheint auf diesen Anruf zu warten. Also tut er etwas für ihn gänzlich Untypisches: Er ist spontan und geht ran. Dieser Moment wird sein Leben verändern, es zu einem Abenteuer machen und ihn in Gefahr bringen, denn am anderen Ende der Leitung ist eine ängstliche alte Dame, die Hilfe braucht.

Ernst fackelt nicht lange, er macht sich auf den Weg zu ihr. Ihr großes Anliegen: Sie hat ein Päckchen, das er in seine Obhut nehmen soll. Natürlich muss er, als er endlich zu Hause in seinem Zimmer ist, von Neugier getrieben das Päckchen auswickeln, um herauszufinden, was es ist: Er staunt nicht schlecht! Was da vor ihm liegt, ist nichts Geringeres als eine Sensation! Ein in dunkelbraunes Leder gebundener Codex, ein Botschafter aus anderen Zeiten. Es ist eine alte Handschrift – und Ernst weiß sofort, welche: Abrogans, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, vermutlich das älteste Buch deutscher Sprache. Den für unsere Ohren merkwürdig klingenden Titel hat das Nachschlagewerk vom ersten lateinischen Wort, das aufgelistet ist – abrogans, althochdeutsch dheomodi, was im heutigen Deutsch bescheiden, demütig bedeutet.

Das Problem ist: Die alte Dame gab ihm das Päckchen aus Angst, weil immer wieder Menschen kamen, die es haben wollten. Doch sie hatte sich immer unwissend gestellt, schließlich hatte sie auch wirklich nichts über den Inhalt gewusst, hatte es doch ihr Mann ihr gegeben, kurz bevor er von einem alpinen Alleingang nicht mehr zurückgekehrt war.

Ernst erkennt die prekäre Situation, er handelt ganz automatisch. Wer will warum an dieses Buch heran? Ist es wirklich echt – und wenn ja, was ist es dann wert? All diese Fragen gilt es aufzudecken, möglichst unauffällig, denn schließlich muss er das Buch schützen. Er beschließt, noch einmal zu der ominösen alten Dame zu gehen, von der der telefonische Hilfeschrei kam, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Um kein Aufsehen zu erregen, verstrickt er (ausgerechnet er!) sich immer mehr in ein Geflecht voller Lügen – und ist gleichzeitig verwundert und auch ein bisschen entsetzt, wie leicht ihm das fällt.

Adele Schaefer, die alte Buchschenkerin ist halbblind, dement und einsam. Als Ernst sie wieder besucht und ihr hilft, das Chaos in ihrer Wohnung zu beseitigen, ist sie glücklich. Wenige Tage später, als Ernst erneut bei ihr vorbeischauen will, wird sie gerade auf einer Bahre abtransportiert. War das ein natürlicher Tod, war es Mord? Was wird hier gespielt? Warum ist jemand so vehement hinter diesem Buch her? Ernst Stricker weiß, dass er das Rätsel lösen muss, wenn er irgendwann wieder ein ganz normales Leben führen will, und so findet er sich wenige Tage später, bei der Beerdigung der alten Dame, plötzlich auf der Flucht vor der Polizei in einem alten Baum wieder. Der rechtschaffene Bibliotheker ist mittendrin in seinem ganz persönlichen Kriminalfall ?

Franz Hohler legt mit „Das Päckchen“ einen so schönen wie spannenden Roman vor, der in zwei Zeitebenen aufgeteilt ist: Zum einen die Zeitschiene, die in der Jetztzeit spielt, in der Ernst Stricker den Abrogans in die Hand gedrückt bekommt, zum anderen die Zeitschiene, in der der Mönch Haimo im 8. Jahrhundert den Auftrag erhält, die von ihm abgeschriebene Handschrift Abrogans aus seiner süddeutschen Heimat ins italienische Montecassino zu bringen.

Beide Erzählstränge sind äußerst spannend angelegt, so dass der Leser nicht nur viel dazulernt, bei diesen Rückblicken ins frühe Mittelalter, sondern sich auch nicht des Gefühls erwehren kann, dass der Abrogans schon immer für viel Furore gesorgt hat – im Mittelalter wie heute.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag


Das Ungeheuer

Der Roman von Adam Haslett ist kein typischer Familienroman, obwohl der Leser die Familie von Anfang an begleitet.

Die Amerikanerin Margret begegnet John in England während eines Auslandsjahres. Schnell wird klar, dass aus der Verliebtheit der Wunsch nach einem gemeinsamen Leben entsteht. Kurz vor der Eheschließung ereilt John eine ernsthafte depressive Phase seiner bipolaren Erkrankung. Trotzdem entscheidet sich Margret zur Ehe mit John.

Sie bekommen drei Kinder - Michael, Claire und Alec -, die mit den Eltern mal in England und auch in Amerika aufwachsen, je nach dem Arbeitsort des Vaters. Diese fünf Menschen erleben auf unterschiedliche Weise einen Alltag, der bestimmt wird von dem Wissen um das „Ungeheuer“, die Depression des Vaters, die auch Michael später leider kennenlernen wird.

Der Autor lässt jedes Familienmitglied auf eine nur ihm eigene Art vom Miteinander in der Familie, von Sommerurlauben, von Wohnsitzwechseln und der Suche nach dem Glück mit dem richtigen Partner erzählen. Michaels Kampf mit der Krankheit und die verzweifelten Versuche der Mutter und der Geschwister ihm zu helfen sind dabei die zentralen Themen.

John, Margret, Alec, Michael und Celia werden Vertraute des Lesers und am Ende ist man tief berührt von dieser familiären Tragödie und bleibt nachdenklich zurück.
 

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Das Leben
und seine Tücken

Sofia reist mit ihrer kranken Mutter nach Andalusien, um sie dort in einer teuren privaten Praxis untersuchen zu lassen. Dem Leser wird schnell klar, dass die Krankheit der Mutter eingebildeter Natur ist und sie diese nutzt, um die Tochter in einer ungesunden Abhängigkeit zu halten.

Während die Mutter in der Klinik ist, verbringt Sofia die Tage am Strand mit ihrer neuen Bekanntschaft Ingrid. Die fremde Frau, die auch einen Freund hat, fasziniert sie und sie verliebt sich in sie. Aber auch hier entsteht eine eher ungesunde Beziehung.

Sofia und ihre Mutter wurden während Sofias Kindheit vom griechischen Vater verlassen und nun nutzt Sofia die Zeit, um sich über ihren eigenen Stand im Leben bewusst zu werden. Sie macht einen Kurzbesuch bei ihrem Vater, der in einer neuen Ehe mit einer sehr jungen Frau lebt. Sie könnte Sofias Schwester sein. Dort wird ihr klar, dass ihr keine Liebe entgegengebracht wird. Sofia wird zudem bewusst, dass sie sich von ihrer übergriffigen Mutter befreien muss, um ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen ...

Ein Roman über ein befremdliches Beziehungsgeflecht, der sich gut lesen lässt.

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken


Lügen haben kurze Beine

Die junge Autorin und studierte Psychologin Ayelet Gundar-Goshen hat in ihrem dritten Roman ein starkes Bild gezeichnet, was aus einer oder auch mehreren kleine Lügen entstehen kann.

Nuphar Schalev arbeitet in den Sommerferien in einem Eiscafé als Verkäuferin. Sie ist nicht sonderlich schön, obwohl ihr Name Schönheit bedeutet. Sie ist eher unscheinbar, pummelig und kein Blick bleibt länger als notwendig an ihr hängen. Ganz im Gegensatz zu ihrer jüngeren, schöneren Schwester, die auch in der Wahrnehmung und Beachtung der Eltern einen höheren Stellenwert hat. Nuphar liebt ihre Schwester und sie genießt es, wenn sie eines ihrer Kleider zur Arbeit ausleihen darf und hofft, insgeheim Beachtung zu finden. Doch gerade an diesem Morgen verspätet sie sich und trifft auf einen übellaunigen Kunden, den verkannten Sänger Avischai Milner. Avischai ärgert sich über die unattraktive Bedienung und beleidigt sie zutiefst und aus einem Handgemenge entsteht plötzlich der Vorwurf, Avaschai hätte versucht, Nuphar zu vergewaltigen.

Plötzlich im Zentrum des öffentlichen Interesses schafft Nuphar es nicht, die Lüge aus dem Weg zu räumen. Der einzige Zeuge des Geschehens, der junge Lavie Maimon aus dem vierten Stock, findet Gefallen an Nuphar. Genau wie sie ist er eher unscheinbar, ein Teenager, der den Ansprüchen seines gestandenen Vaters nie gerecht zu werden scheint. Er verliebt sich in Nuphar, aber er findet nur den Weg des erpresserischen Zugangs zu ihr. Der zarte Beginn einer Liebe scheint in Gefahr und es stellt sich im Laufe der Handlung die Frage, ob beim Aufdecken der Wahrheit diese Liebe bestehen kann oder alles zerstört wird.

Die Autorin hat im zweiten Teil des Romans auch die Geschichte von Raymonde mit eingeflochten, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Freundin stellvertretend deren Reise als Holocaustüberlebende nach Europa antritt. Dort wird sie Nuphar begegnen und auch hier wird sich alles in Lügen verstricken. Gundar-Goshen lässt die Grenzen zwischen richtig und falsch meisterhaft verschwinden. Ein literarischer Genuss!

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken

 



Lebenshunger
in schwierigen Zeiten

In dem Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg lernen wir Jarvis Miller kennen.

Sie lebt im hippen Stadtteil Williamsburg in New York. Sie ist wohlhabend, denn sie ist mit einem bekannten und erfolgreichen Künstler verheiratet.

Allerdings kann sie seit sechs Jahren nicht wirklich am wahren Leben Anteil haben, denn ihr Mann Martin liegt seit einem Sturz im Atelier im Koma und Jarvis ist in einem bewegungslosen Zwischenraum steckengeblieben. Es ist ein Zustand von hingebungsvoller Liebe zu ihrem Mann, den sie regelmäßig besucht, von Hoffnung auf Besserung und einer nicht vollziehbaren Trauer, denn ihr Mann ist ja noch nicht gestorben.

Als ihre Waschmaschine eines Tages streikt, trifft Jarvis in einem Waschsalon  auf drei „Hausmänner“. Plötzlich beginnt sie zu ahnen, was das Leben ihr vielleicht noch versprechen könnte. Da ist zum einen der charmante Immobilienmakler Tony, dann der erfolglose Buchautor Mal und der liebevolle Familienvater Scott.

Gegen alle anderen Kräfte, die auf sie einwirken, versucht sie, eine lebensverändernde Entscheidung zu treffen.

Es ist ein sehr schöner Roman, der aus der Perspektive von Jarvis geschrieben ist und der tiefe Einblicke in das liebende und trauernde Herz einer noch jungen und lebenshungrigen Frau gibt.

Rezensiert von unserer Kollegin Uta Birken

 


 

Das Brodeln im Innern

Was passiert, wenn der Beruf zur Obsession wird? Evren Attocker darf das hautnah erleben. Seine Eltern haben sich komplett der Vulkanforschung verschrieben, ein Leben außerhalb des Bannkreises dieser feuerspeienden Berge erscheint ihnen nicht sinnvoll.

Einfach ist das für ihren Sohn, der ein Einzelkind bleibt, nicht. Aus einem alten Einsiedlerhof haben seine Eltern mithilfe eines Architekten einen schmucken Beobachtungsposten gemacht.  Evren ist ein Wunschkind, seine Mutter hat vor ihm viele Kinder verloren, keines wollte lang genug im Mutterleib bleiben, um lebensfähig zu sein. Doch Evren scheint eine Kämpfernatur zu sein, denn er setzt sich durch, und schafft es, das Licht der Welt zu erblicken. So sehr sie ihn ersehnt und erhofft haben, so verwundert sind die Eltern, dass es ihn nun wirklich gibt. Und so sehr sie ihn auch lieben, so wenig ist es ihnen möglich, wegen dieses Kindes ihre große Passion, die Vulkane, aufzugeben. Und so ist Evren zwar umgeben von diesem Kokon der Liebe, aber doch auch viel allein.

Das wunderbare Haus am Fjord ist vor allem eine Forschungsstation, denn es bietet einen unverbauten Blick auf den Vulkan Rakja. Wenn Vater und Mutter nicht gerade den Gegenstand ihrer Untersuchungen genauer beobachten, sind sie auf Reisen, vermessen und erforschen andere Vulkane. Zum Glück gibt es dann immer Itys, den verlässlichen und besten Freund seiner Eltern. Auch er ein Vulkanaffiner, doch Bücher haben einen ebenso großen Stellenwert für ihn. Er kümmert sich um Evren, wann immer Not am Mann ist.

Evren hat keine gleichaltrigen Freunde, denn die Bewohner des nächstgelegenen Dorfes sind den „Reingeschmeckten“ abweisend bis feindlich gesinnt, sie können nicht verstehen, was diese seltsamen Menschen so abgeschieden in dem ehemaligen Hof treiben. Der Weg zur Schule ist zudem weit, sich da auch noch nachmittags mit Kindern aus dem Ort zu treffen, kommt Evren nicht in den Sinn. Und doch ist ihm das Elternhaus zwar Zuflucht und Fixpunkt, gleichzeitig aber auch Inbegriff des Grauens, denn von Anfang an hat der Junge eine unbändigende Angst vor dem Vulkan, auf den er ständig schauen muss. Er ist wie eine tickende Zeitbombe für ihn. Albträume plagen ihn, in denen Rakja Feuer speit und brodelnd seine Lava über das Land ergießt. Ablenken kann ihn dann Itys, sein „Zusatzvater“, mit seinen Türmen voller Bücher und mit seinen Geschichten, die er erzählt.

Das funktionierende Familienkonstrukt Vater-Mutter-zweiter Vater-Kind wird jäh zerstört durch den unerwarteten Tod von Evrens Mutter und den rasch darauf folgenden Suizid des Vaters.

In Rückblenden erzählt Evren sein Leben, das zuerst von den Eltern und dann von Itys geprägt wurde. Erst spät hat Evren das Bedürfnis, selbst aktiv zu werden, er zieht aus, lernt Buchhändler in einer großen Stadt, der Kontakt zu Itys lockert sich. Die Geschichte, die zuerst in fernen, doch realen Ländern zu spielen scheint, wird immer fantastischer und mit ihr die Orte, an denen sie spielt. Nach und nach füllt Evren die Lücken seiner Biografie und lässt den Leser teilhaben an seiner Katharsis. Was anfangs nicht erwähnt wird, nimmt immer mehr Raum ein: Nach dem Tod der Eltern wurde der junge Evren schwer krank. Itys schleppte das Kerlchen schließlich zu einem Wunderheiler, da es sich im wahrsten Sinne des Wortes vor Trauer aufzulösen schien.

Erst als junger Erwachsener, auf der Suche nach Itys, den er aus den Augen verloren hat, kann er über diese schreckliche Krankheit reden, die ihn damals heimsuchte und als Dreizehnjährigen fast dahinraffte. Auf seiner langen Reise nach Gadjan, dem fantastischen Ort, an dem er seinen Ziehvater vermutet, trifft er einen Pfarrer, dem er all dies erzählt.

Und je weiter Evren wandert in Florian L. Arnolds „Die Ferne“, um so mystischer werden die Länder, die er durchquert. Er wandelt in einer anderen Welt, offiziell auf der Suche nach Itys, inoffiziell aber immer auch auf der Suche nach sich selbst.

In dem kleinen Mirabilis Verlag erschienen, erschafft Arnolds Buch eine eigene kleine Welt, die einen nicht so ganz loslässt – auch Tage, nachdem man den Roman zu Ende gelesen hat. Viele beeindruckende Szenen und Landschaften lässt der Ulmer Autor vor dem Auge des Lesers entstehen. Er zerrt uns mit von Szenario zu Szenario, der Geist wird gefangengenommen von seinen üppigen Bildern, die er da heraufbeschört, man verliert sich darin, am Ende – ein wenig, wie auch Evren sich darin zu verlieren scheint.

„Die Ferne“ ist schwer einzuordnen. Was beginnt wie ein üblicher Roman, angesiedelt in einem irdischen Land, endet als mystische Parabel in einer Fantasiewelt.

Ein spannendes Projekt, das Beachtung finden sollte.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


 

Meine Freundin,
die Angst

Das mit der Angst ist ja so eine Sache: Jeder von uns kennt sie, jeder hat sie schon erlebt. Die meisten haben sie gut im Griff, bemerken sie im Alltag oft kaum noch. Manchmal spürt man das Herz vor einem wichtigen Termin rasen, manchmal steckt man im Großstadtverkehr und merkt plötzlich, wie einem ob des Wahnsinns, der da so um einen herum tobt, der Schweiß ausbricht.

Angst ist nicht böse. Sie ist nützlich und von der Natur so angelegt, dass sie uns warnt, uns vor Gefahren schützt. Im Idealfall ist sie ein sich mit unserer Vernunft wunderbar im Einklang befindendes Instrument, das sich gar nicht so häufig meldet - und wenn, dann zu Recht.

Aber es gibt auch Menschen, die haben diese Angst nicht nur dann und wann, sondern sie ist ihr ständiger Begleiter. Dann ist die Angst lästig und gemein, denn sie hält diese Menschen davon ab, Dinge zu tun, die sie eigentlich gerne tun würden, wäre da nicht ... eben diese Angst!

Ein solcher Mensch ist die im alltäglichen Leben gar nicht ängstlich wirkende Franziska Seyboldt. In ihrem am 11. Januar 2018 erschienenen Buch 'Rattatatam, mein Herz - Vom Leben mit der Angst' beschreibt sie ihren ganz normalen Alltag, der im Prinzip ganz prima läuft - wenn nicht gerade die Angst auf einen kurzen Drink vorbeischaut. Dieses Buch ist kein Sachbuch, es ist keine Lebenshilfe. Es ist aber auch kein Roman - ich würde es als wunderbar geschriebene, authentische Lebensdokumentation bezeichnen. Macht das Sinn?

Franziska Seyboldt hat ihr Leben im Griff, sie ist Anfang dreißig, Redakteurin bei der taz, Autorin. Schaut man sich Fotos von ihr an, lacht einem ein fröhlicher Mensch mit sympathisch-offenem Gesicht und Lockenkopf entgegen. Das ist so gar nicht das, was man von jemandem erwartet, der eine Angststörung hat. Und doch ist es genau so. Menschen, die mit der Angst leben, müssen gar nicht verhuscht, schüchtern oder lebensunfähig sein. Sie sind erfolgreich, stehen mitten im Leben, sind beliebt - und haben trotzdem Angstattacken.

Was Seyboldt berichtet, ist in der Tat Balsam für die Seele. Denn ihr gelingt es in flapsig-liebevollem Ton von ihrer Angst wie von einer Person zu sprechen, zu der man ein äußerst ambivalentes Verhältnis hat. Seyboldt spricht mit ihrer Angst - und sie erwähnt mehr als einmal, dass sie 'in echt' ebenfalls gerne mit ihrer Angst diskutiert, im Kopf, vor dem inneren Ohr. Das finde ich unglaublich charmant und clever, denn es nimmt der Angst diese Macht, die allem Bösen sonst so innewohnt. Sie lässt ihre Angst fast schon sympathisch wirken, ein bisschen wie ein genervter, unreifer Teenager. Die Angst ist auch ziemlich schnell beleidigt, wenn sich Seyboldt nicht an deren Spielregeln hält.

Das alles liest sich sehr leicht und locker - doch man ahnt, wie viel Energie, Kraft und Mut es gekostet hat, zu dieser inneren Einstellung gelangt zu sein. Seyboldt berichtet schonungslos von ihren Angstattacken, Panikanfällen. Von Momenten großer Mutlosigkeit, wo sie es nicht schaffte, die Angst vor dem öffentlichen Reden zu 'besiegen', sondern in letzter Sekunde unter fadenscheinigem Vorwand kniff. Sie berichtet von Panik, die so groß war, dass sie ohnmächtig wurde - aber sie berichtet auch von Momenten, in denen sie über sich hinauswuchs. Weil jemand an sie glaubte, weil sie mit dieser zusätzlichen Unterstützung die Kraft fand, Dinge zu tun, die ihr nicht machbar erschienen: in einem Flugzeug zu fliegen oder nach Jahren der Angst doch wieder in ein Auto zu sitzen und es selbst zu steuern. Sie ist sogar so ehrlich, dass sie beschreibt, wie sie gerade, als sie dachte, nichts könne sie mehr erschüttern, nun habe sie die Angst im Griff, wieder Panikattacken bekam.

Und doch lässt einen dieses Buch am Ende mit einem seeligen Lächeln die letzte Seite umblättern, denn es lässt nie Zweifel aufkommen, dass Franziska Seyboldt als Gewinnerin aus ihren Duellen mit der Angst hervorgehen wird. Nicht jedes Mal, aber am Ende, in Summe schon! Denn sie ist schon allein deshalb eine Siegerin, weil sie kein Opfer ist. Sie ist nicht passiv, sie lässt nicht mit sich geschehen, sondern sie agiert, sie ist aktiv und kreativ. Und die Angst ist nur ein kleiner Teil ihres Lebens, nicht mal unbedingt ihrer Persönlichkeit. Mit jedem Sieg über die Angst wird diese ein bisschen kleiner, machtloser. Die Krux an der Angst ist nur: Seyboldt wird sie niemals ganz loswerden, denn sie gehört ja zu unserem Naturell. 'No fear' gibt es zwar als Aufkleber für ganz besonders Coole, ist aber nicht die Abbildung der Wirklichkeit.

Großartiger Lesestoff für alle Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 


 

Black or white

Jodi Picoult ist so etwas wie ein Garant für gute, spannende Unterhaltungslektüre auf hohem Niveau. Wobei „Unterhaltung“ nicht im Sinne von flach und anspruchslos gemeint ist.

Jodi Picoult scheut die schwierigen Themen nicht. So hat sie mit „19 Minuten“ eine derart psychologisch scharfsinnige Analyse aus unterschiedlichsten Perspektiven über den Amoklauf eines Schülers an seiner Schule verfasst, dass einem der Atem stockt. In „Beim Leben meiner Schwester“ beschreibt sie das Dilemma, in dem sich die jugendliche Anna befindet, deren ältere Schwester nur durch Annas permanente Knochenmarksspenden überleben kann, denn sie hat Leukämie. Eines Tages kann und will Anna nicht mehr „Ersatzteillager“ für ihre Schwester sein.

Für ihren neuesten dicken Wälzer hat Picoult wieder ein Thema gewählt, mit dem sie es sich nicht leicht macht: In „Kleine große Schritte“ geht es um das in Amerika derzeit wieder brandaktuelle Thema Rassismus. Schwarz gegen weiß. Weiß gegen schwarz.

Ruth Jefferson ist Säuglingskrankenschwester in einem Krankenhaus. Sie ist gut, erfahren und beliebt – sowohl beim Pflegepersonal als auch bei den Patientinnen. Ruth hat das große Talent, sich sehr rasch in andere Frauen hineinversetzen zu können, zu spüren, was sie in der Ausnahmesituation Geburt brauchen, wie sie behandelt werden müssen. Sie hat scheinbar mühelos immer den richtigen Einfall im richtigen Moment. Bei der durchgestylten, eitlen Patientin hat sie nach der Geburt rasch einen Lippenstift und eine Bürste parat, weil sie merkt, wie wichtig es für deren Selbstwertgefühl ist, ihrem Mann sofort wieder möglichst makellos gegenüberzusitzen. Der schüchternen, ängstlichen Frau spricht sie Mut zu, dem nervösen werdenden Vater nimmt sie die Angst, ein schlechter Vater zu werden. Kurz gesagt, sie ist ein Traum!

Eines Tages hat sie wieder Dienst und wird zu dem neugeborenen Davis geschickt. Sie nimmt die Routineuntersuchungen in Gegenwart der Eltern vor, spürt aber die ganze Zeit deren unterschwellige Aggression, ja fast schon Hass ihr gegenüber. Und dann, als sie fast fertig mit allem ist, schickt der Vater des Jungen sie aus dem Zimmer. Er spricht mit Ruths Vorgesetzter und veranlasst, dass Ruth in Zukunft weder seinen Sohn noch seine Frau anfassen darf.

Davis' Eltern sind weiß. Sie sind rechtsradikal. Ruth Jefferson ist schwarz.

Ruth ist fassungslos, in ihrer langen Laufbahn als Krankenschwester sind ihr schon so manche Dinge passiert, das aber übersteigt alles, was sie sich je hätte vorstellen können. Fast so schlimm wie das Verbot an sich trifft sie aber die Tatsache, dass ihre Vorgesetzte sich nicht schützend vor sie stellt, sondern dass sie tatsächlich dem Wunsch des Ehepaars nachkommt und in die Akte eine Notiz macht, dass kein dunkelhäutiges Personal das Kind oder die Mutter behandeln darf. Außer Ruth gibt es auf der Säuglingsstation aber keine Schwarze. Das Verbot trifft sie also ganz allein.

Am nächsten Tag während Ruths Schicht kommt es zu einem Notfall, alle verfügbaren Kräfte werden abgezogen und plötzlich steht sie alleine da mit Davis, der 20 Minuten zuvor einer Beschneidung unterzogen wurde. Und Davis bekommt Atemnot.

Ruth steht eine lange Minute wie gelähmt vom Schock da und weiß nicht, was sie tun soll. Handelt sie nicht, stirbt der Kleine. Handelt sie, widersetzt sie sich dem explizit ausgesprochenen Verbot. Sie zögert, dann legt sie los, handelt, funktioniert. Sie funkt Hilfe an, alle tun alles, was nur möglich ist, doch am Ende hilft alles nichts: Davis stirbt.

Die Eltern, schwer traumatisiert durch diesen Vorfall, reagieren unterschiedlich. Der Vater begibt sich sofort in Kampfposition und lässt nicht mit sich reden. Alle Register werden gezogen, er will die schuldige, schwarze Krankenschwester hinter Gitter bringen. Seine Frau hingegen zieht sich in sich zurück, nimmt ihre Umgebung kaum noch wahr, ist wie hinter einem Schleier.

Der Albtraum für Ruth beginnt, als sie noch nichts davon ahnt. Sie ist sich keiner Schuld bewusst, hat getan, was sie tun konnte. Doch sie wird bald vom Dienst suspendiert und mitten in der Nacht steht dann plötzlich die Polizei vor der Tür und nimmt sie und ihren Sohn gefangen. Wie Schwerverbrecher werden sie abgeführt.

Nun beginnt Picoult mit ihrer routinierten Analyse. Sie nimmt alle wichtigen Charaktere auseinander, bis nur noch ihr nackter, schutzloser Kern übrigbleibt.

Während die erste, natürliche Reaktion bei der Lektüre die ist, sich SOFORT auf die Seite Ruth' zu schlagen und den brutalen Nazivater Turk zu verteufeln, wird man als Leser immer kleinlauter wenn man allmählich den Werdegang dieses Mannes kennenlernt. Es macht ihn nicht besser, aber es macht es einem unmöglich, ihn weiterhin als das Monster zu sehen, für das man ihn zu Beginn hielt. Auch er war mal ein kleiner niedlicher Junge. Jedoch einer, dem zu viel Brutales wiederfahren ist, dem zu viel falsche Ideologie eingetrichtert wurde, dem es an Nestwärme fehlte. Sein Bruder starb bei einem Unfall, der von einem Schwarzen verschuldet wurde – wie er lange denkt! Als er dann später die Wahrheit erfährt (nämlich, dass sein Bruder unter Drogen auf die falsche Straßenseite kam und es dem Schwarzen nicht mehr möglich war, noch mehr auszuweichen), ist es bereits zu spät, das rechtsradikale Gedankengut keimt und wächst bereits fröhlich in seinem Kopf und ist nicht mehr zu stoppen.

Picoults große Stärke ist: Sie malt nicht schwarz und weiß, sie skizziert Grautöne. Sie erweckt alle beteiligten Personen, ob positiv oder negativ, so plastisch zum Leben, dass man sie wirklich gut kennenlernt. Welche kleinen Weichenstellungen es manchmal nur benötigt, um aus einem normalen Leben ein miserables zu machen, zeigt sie dabei überdeutlich. Es bricht einem sprichwörtlich das Herz, wenn man mit ansehen muss, was mit Menschen geschehen kann, wenn die falschen Dinge in ihrem Leben passieren – und dennoch: Jeder ist auch immer bis zu einem gewissen Grad seines eignen Glückes Schmied.

Also bleibt einem nichts anderes übrig, als weiterzulesen, um zu sehen, was all die Protagonisten in diesem Roman mit dem Rohmaterial ihres Lebens anstellen – und da gibt es tatsächlich auch so manche Überraschung.

Großartige Lektüre zu einem schweren Thema.

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag